Berliner haben einem erdbebenzerstörten Dorf in Italien sehr geholfen. Dies will nun ein Reise-Unternehmen für seine Geschäfte in Italien ausnutzen.

Nach dem verheerenden Erdbeben im Mezzogiorno Ende November letzten Jahres (siehe auch im ZEITmagazin) erfaßte die Berliner Bevölkerung eine Woge der Hilfsbereitschaft. Erinnerungen an die Zeiten der Blockade und die "Rosinenbomberromantik" wurden wieder wach. In Italien bot sich eine Gelegenheit, nun selber Nothilfe zu leisten. Der Zeitfunk des Senders Freies Berlin hatte aufgerufen, für die Opfer des Bebens zu spenden. Alles Geld war bestimmt für das Dorf Santomenna, 50 Kilometer von der Amalfiküste entfernt und weitab vom Tourismus. Das Dorf war zu 80 Prozent zerstört, die Zahl der Toten kannte man damals noch nicht.

Innerhalb von drei Tagen wurde das Bergdorf zu "unserem" Santomenna: Von morgens um sechs bis um 14.30 Uhr wurde in den Zeitfunk-Sendungen fast ausschließlich von der Hilfsaktion berichtet. Die Spender wurden namentlich genannt und hatten einen Musikwunsch frei. Kinder leerten ihre Sparbüchsen, Firmen ließen ihre Weihnachtsfeier ausfallen und spendeten statt dessen. Mehr als 3,5 Millionen Mark kamen zusammen.

Aus diesem Bemühen will jetzt ein Berliner Busunternehmer Profit schlagen. Eine ohnehin geplante Reise in den Süden Italiens preist er per Zeitungsinserat an: "Lernen Sie die Menschen kennen, denen Sie in ihrer Not geholfen haben. Fahren Sie mit nach Santomenna."

Der geschäftstüchtige Unternehmer hat kurzerhand die klassische Italien-Rundreise zum Gardasee, nach Florenz, Rom und Neapel um das kleine, aber in Berlin so populär gewordene Dorf erweitert.

Die Tour in "unser Spendendorf, bekannt geworden durch den SFB" hat viele der spendenfreudigen Helfer in Berlin zornig gemacht, insbesondere jene Mitarbeiter des Senders Freies Berlin, die in den letzten Wochen in dem Dorf waren. Sie sagen: "Die Menschen von Santomenna sind so stolz, daß sie lieber das Geld zurückgeben würden, als sich von Katastrophen-Touristen wie Affen anstarren zu lassen."

Die erste lüsterne Visite dieser Art haben die armen Leute von Santomenna aber schon hinter sich. In diesen Tagen kehren bereits Urlauber aus dem Ort zurück, den sie sich zum Ziel ihrer Barmherzigkeit erkoren haben. Elke Gerdener