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Vor kurzem, wurde Jürgen Fischer aus seinem Amt als Generalsekretär der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) verabschiedet. Sechsundzwanzig, Jahre lang diente er dieser überregionalen Verbindungsstelle der akademischen Anstalten und schulte in dieser Zeit nicht weniger als fünfzehn Präsidenten vom Hochschulrektor zum bundesdeutschen Wissenschaftspolitiker um. – mit mehr oder Weniger Erfolg. In Jürgen Fischers Person verkörperte sich nicht mir die Kontinuität der WRK mitsamt ihren Spannungen und Widersprüchen; als geistigen Anspruch und Stachel trug er überdies die Idee der Humboldt-Universität mit sich herum – auch dann noch, als sie nicht mehr realistisch war.

Er war schwierig. Auch deswegen wird er dem historischen Gedächtnis der deutschen Universität teuer bleiben. Die Fähigkeit zum gesichtslosen Bürokraten hatte er nie – aus Überzeugung nicht, weil er fürchtete, dadurch zum Technokraten, wenn nicht zum Opportunisten zu werden; aber auch aus Jahrgangsgründen nicht: 1923 geboren, ist er ein Prototyp der vom Kriege geschlagenen Generation.

1945 kehrte er schwer verwundet heim und begann, in Göttingen bei Hermann Heimpel Geschichte zu studieren. Wie sich diese alte, hochnäsige Aufklärungs-Universität Göttingen damals der um ihre Jugend betrogenen Generation öffnete und ihr das Stadium fast als eine Art Wiedergutmachung anbot, gehört zu jenen Geschichten aus der akademischen Sagenwelt, die nur "die alten Göttingen selber richtig erzählen können.

Der Dienst an den Kriegsheimkehrern war Göttingens bisher letzte Blüte. Zu dem unveräußerlichen Anekdotenschatz aus Jürgen Fischers Biographie gehört, wie er damals gegen drei Scheite Holz die Erlaubnis erhielt, die Privatbibliothek seines verehrten Lehrers Heimpel zu benutzen. Fischer gehörte zu den Initiatoren des Colloquium Historicum, damals der Inbegriff des akademischen Lebens. 1952 promovierte er magna cum laude über den Europabegriff in der Spätantike und im frühen Mittelalter.

Der geistigen Heimat, die Göttingen dem aus dem normalen Leben geworfenen, mit dem silbernen Verwundetenabzeichen dekorierten, sensiblen Reserveleutnant Jürgen Fischer in jenen Jahren bot, blieb er bis heute dankbar verbunden – mit dem Wunsch, auch den nachfolgenden Studentengenerationen ein ähnliches akademisches Erlebnis zu schaffen. Sein kämpferischer Einsatz für die deutsche Universität galt insgeheim immer der Idee, "Göttingen" zu multiplizieren. Ein Ziel von schöner Vergeblichkeit: Nie wieder war der Alters- und Lebensunterschied zwischen Professoren und Studenten so gering wie in jenen Jahren, nie wieder die geistigen Ansprüche so absolut und die Partikularinteressen der Universitätsangehörigen so nebensächlich.

Als die Ordinarien es sich in den fünfziger Jahren wieder als Halbgötter bequem machten und die Studenten anfangen mußten, um ihre wirtschaftliche Existenz zu kämpfen, setzte sich Jürgen Fischer für deren soziale und politische Interessen ein. Er gehört mit zu den Verhandlungsführern, denen das "Honnefer Modell", das erste Modell zur Studentenförderung, verdankt wurde.

Zu seinen historischen Verdiensten zählen vor allem seine europäischen Aktivitäten. Wenn sich die Politiker in Europa zusammenschließen, so müssen es auch die Hochschulen, fand er. Die Gründung der europäischen Rektorenkonferenz geht vor allem auf das Konto seiner Sturheit: Er wollte das Autonomiebewußtsein der deutschen Universität so früh wie möglich internationalisieren.

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Je massenhafter die Mitglieder der Rektorenkonferenz sich in den letzten Jahren vermehrten und je überfüllter die Hochschulen wurden, desto größer wurde Jürgen Fischers Sensibilität für den Verlust an Kommunikation in der akademischen Welt. Für die Massenuniversität hatte er keinen geeigneten Kompaß mehr. Seine Lösungsvorschläge für die Probleme der Hochschule waren an Harmonievorstellungen à la Göttingen orientiert, die obsolet geworden waren. Sein akademischer Haut wurde in der Rektorenkonferenz inzwischen auch von Präsidenten bevölkert, die sich der Politisierung des akademischen Raums glatt anpaßten: Ergebnis und Erfolg einer Abstimmung sind auch in der WRK wichtiger geworden als die innere Logik und die Substanz der Argumente in der Debatte. Der exemplarische Antipode von Jürgen Fischer ist der jetzige WRK-Präsident George Turner, der immer nur dann den Universitäten seine Meinung sagt, wenn er hoffen kann, dafür auch den Beifall der Öffentlichkeit zu finden.

Hans Leussink, der erste Wissenschaftsminister der sozial-liberalen Koalition, ein Freund Jürgen Fischers und von 1960 bis 1962 auch sein Präsident in der Rektorenkonfernz, ernannte ihn in der Abschiedsrede zum "Kreuzritter der deutschen Universität". Treffender ist Jürgen Fischer kaum zu bezeichnen. Er war der erste Generalsekretär der WRK, wahrscheinlich wird er ihr denkwürdigster bleiben. Nina Grunenberg