Hamburg: „Erhard Göttlicher“

Es reizt Erhard Göttlicher, den alten Meistern, denen er sich (in Rom) zunächst „ehrfurchtsvoll“ näherte, doch kräftig am Zeuge zu flicken. Und das nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern, die als eine Art Antithese zu großen Künstlern zu verstehen sind. Alle Maler, vielleicht von Giotto bis Rubens, haben, meint er wohl, wenigstens des Höllensturz (im Jüngsten Gericht) falsch dargestellt. Göttlicher wettert: „Stürzen tut hier keiner!“ Der trainierte Beobachter, der Realist Göttlicher bekommt die rapide Bewegung recht gut in den Griff. Mit verschiedenen Methoden. Die erste heißt Meisterschaft im Aktzeichnen: den weiblichen und den männlichen Körper nicht nur in ruhigen Stellungen abkonterfeien können, sondern im Atelier Aktmodelle geschickt in Positionen bringen, welche Stürzenden wenigstens in Phasen ähnlich sehen. Weiter hilft eine Photographie, die (von ihm selbst oder von anderen aufgenommen) Bewegung festhält, nicht etwa nur die Lessingschen „transitorischen Momente“, die zugleich Bewegungsmalerei kontrolliert und ein Korrektiv bildet. Die gescheite Synthese mehrerer Verfahren steht, ein Paradoxon, im Dienste eines Themas, das Göttlicher, ein leidenschaftlicher Atheist, zunächst nur als ein Hirngespinst anerkennen kann: eines religiösen. Aber die alten Meister waren, geistesgeschichtlich sehr amüsant, unter anderen Vorzeichen kaum weniger widersprüchlich. Sofern sie religiös waren, hatten sie bei Themen wie dem Jüngsten Gericht die durchaus listige Legitimation, malend in die Gefilde der nichts als ästhetischen Verherrlichung des menschlichen Leibes, die religiöse Initialzündung ihrer Arbeit vergessend, abzuschweifen. Göttlicher (1946 geboren in Graz) schweift weder vom Religiösen noch von einem „Hirngespinst“ ab, List ist gegenstandslos geworden. Das Vakuum, das nach der Disqualifikation der Religion übriggeblieben ist, wird nachgefüllt. Hier wird im theoretischen Bereich vortrefflich Humanität plaziert, Sorge um die „geschundene Kreatur“, Ächtung der Folterungen, hier und jetzt. Göttlichen „Höllensturz“ ist, noch nicht vollendet, dank einem beträchtlichen Können schon weit mehr als nur ein Versprechen. Besser als zum Beispiel sein an historischen Kreuzigungsverfahren fast vergeblich orientierter, ins Klotzige verkommener „Häscher Gesinas“. Gesinas, wie anderswo auch Christus, ist ohne Lendenschurz mit der Begründung dargestellt: Am Kreuz gehörte Nacktheit zum Strafvollzug – zur Schande. Gut. Aber die offensichtlich betonte, pflegliche Behandlung des Penis einiger Gestalten auf Göttlichers Bildern ist noch keine Kompensation für den Schurz. Es bedarf doch zu solcher Akzentuierung heute keiner Pfiffigkeit und keiner List (Hamburger Kunstverein, im Rahmen der „Hamburger Kunstwochen ’81“, bis 29. März, Faltblatt gratis)

René Drommert

Köln: „Barnett Newman – Das zeichnerische Werk“

Thema seiner Malerei sei für ihn das Ich, stellte Barnett Newman einmal fest, und: „Ich hoffe, daß meine Kunst die Kraft hat, einem Menschen – so, wie sie es mir vermittelt – das Gefühl seiner Ganzheit, seines Fürsichseins, seiner eigenen Individualität zu vermitteln und gleichzeitig das Gefühl seiner Verbindung zu anderen, die auch für sich sind.“ Als Stationen auf dem Weg zu einer Malerei, die auf Bezüge zum Sichtbaren verzichtet und das „Erhabene der Unendlichkeit“ sucht, sind die Zeichnungen zu sehen, die nicht Skizzen oder Entwürfe zu Gemälden sind, sondern eigenständige und in sich abgeschlossene Werke, zeichnerische Untersuchungen und „eine Art Tagebuch seiner geistigen Suche nach Identität, Würde und Sein“ (so Barbara Rose im Katalog). Den ersten umfassenden Oberblick über das kaum bekannte zeichnerische Œuvre des 1970 gestorbenen amerikanischen Colourfield-Malers gibt die zur Zeit im Museum Ludwig präsentierte Wanderausstellung. Von den rund achtzig erhaltenen Zeichnungen und Aquarellen zeigt sie 78 Arbeiten aus den Jahren 1944 bis 1969. Nach den frühen farbigen Blättern von 1944/45, die das Thema werdenden Lebens, Schwangerschaft und Geburt aufgreifen, taucht Ende 1945 in einer Tuschpinselzeichnung zum erstenmal der von Newman als „zip“ (Reißverschluß) bezeichnete vertikale Streifen auf: ein Lichtstrahl, der zum Ausgangspunkt und metaphorischen kosmischen Motiv seiner Kunst werden wird. Barnett Newman beginnt, durch die Zeichnung den Raum zu erschaffen. „Statt Umrisse zu gebrauchen, statt Formen zu bilden oder Räume voneinander abzuheben, bestimmt meine Zeichnung den Raum. Anstatt mit den Überbleibseln des Raumes zu arbeiten, arbeite ich mit dem gesamten Raum.“ Doch auch wenn man in diesen Zeichnungen die Basis seiner Malerei zu entdecken glaubt, was schwerfällt: Die magische Kraft der vollendeten Bilder erreichen sie nur selten. Die gesuchte „Erfahrung des Grenzenlosen“ fällt bei den Arbeiten auf Papier doch um einiges schwerer als bei den Gemälden, denn der zeichnend erschaffene Raum ist nicht nur nach dem Metermaß kleiner als der des Malers. (Museum Ludwig bis 29. März, anschließend Kunstmuseum Basel, Katalog 8 Mark.)

Raimund Hostie