Zum fünfundsechzigsten Geburtstag von Hellmut Becker wurde ihm ein umfangreiches Buch über private Schulen in Deutschland und anderswo gewidmet –

"Alternative Schulen? – Gestalt und Funktion nichtstaatlicher Schulen im Rahmen öffentlicher Bildungssysteme", herausgegeben von Dietrich Goldschmidt und Peter M. Roeder; Klett-Cotta, Stuttgart; 637 S., 49,– DM.

Der Sammelband mit dem Fragezeichen im Titel zielt auf das frühere Schwerpunktthema des Mitbegründers und Direktors des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. In den fünfziger Jahren wurde Becker Rechtsberater von Privatschulverbänden (Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, Bund Freier Waldorfschulen) und Geschäftsführer der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Verbände gemeinnütziger Privatschulen. Bei dieser Arbeit mußte er sich mit den verschiedenen Reform-Vorstellungen unmittelbar auseinandersetzen. So engagierte er sich für die Odenwaldschule und wirkte für eine flexible Privatschulgesetzgebung in den Ländern. Beckers Einschätzung der außerordentlich begrenzten innovativen Möglichkeiten und Wünsche der meisten privaten Schulen (Schulen in freier Trägerschaft, wie sie heute heißen) rechtfertigt das Fragezeichen hinter der Alternative durchaus.

Die Herausgeber, Professoren des Max-Planck- – Instituts, haben dreißig Beiträge gesammelt und die Aufsätze in drei Abteilungen gegliedert: Von verschiedenen Seiten aus soll der Frage nachgegangen werden, ob die privaten Schulen eine humane Alternative zu den staatlichen ("bürokratischen") bieten.

Der erste Teil untersucht die Situation nichtstaatlicher Schulen in der Bundesrepublik; der zweite versucht, sich der Frage in Einzelstudien zu nähern: Landerziehungsheime, evangelische und katholische Schulen, Waldorfschulen, ein staatlicher Schulversuch werden in ihren Konzepten und Experimenten vorgestellt. Deutlich wird auch hier, daß die Frage sich selbst in so vorsichtiger und differenzierter Art kaum schlüssig beantworten läßt. Die Abwesenheit sogenannter "besonderer Pädagogik", tatsächlich alternativer Wege, fällt in fast allen Beispielen auf. Das Bemühen ist groß, doch die Zeugnishörigkeit, der run auf die staatlich anerkannten Abschlüsse ist noch größer. Konsequente Ausnahme sind, wie wie immer schon, die Waldorfschulen, die um der Geschlossenheit ihrer Pädagogik willen auf alle staatliche Anerkennung verzichten. Doch interessant sind auch die Auseinandersetzungen von Potthast, Knab, Messerschmidt mit evangelischen oder katholischen Privatschulen, deren "besondere Pädagogik" eher jenseits des Unterrichts zu suchen ist.

Der dritte Teil schließlich ist Berichten und Analysen aus dem Ausland vorbehalten. Hier stellen die französischen Bildungssoziologen Bonvin/Chamboredon die interessanteste Frage, nämlich "in welchem Maß das private Bildungswesen ... angesichts unterschiedlicher Veränderungen, die eher auf eine Angleichung ans staatliche Bildungswesen hinauslaufen, die, Besonderheit seiner Erziehungsorganisation zu bewahren vermag".

Wenn es auch ein zahlenmäßig großes und neues Interesse an den privaten Schulen Westeuropas gibt, so wird doch durchweg deutlich, daß ihr Spielraum innerhalb des gesamten Bildungssystems zunehmend enger geworden ist, sowohl gesetzlich als auch finanziell.

Hellmut Becker hat hier ein Geburtstaggeschenk bekommen, das seiner würdig ist: endlich einmal nicht larmoyant und defensiv wie so manche Publikation über Privatschulen zuvor, sondern kühl, analytisch, informativ und – wenn auch immer kritisch – zuweilen wegweisend. Ein wichtiges Buch zu einem Thema, zu dem gerade in den letzten Jahren viel Irreführendes publiziert worden ist. Christine Brinck