Scala-Opernchor verhindert Premiere des kompletten Werkes

Von Heinz Josef Herbort

Mittags so gegen zwölf. Auf der Piazza Scala versucht eine schmissige Blaskapelle, mit Marschmusik die Passanten aus der nahen galleria zu locken; ein paar Schritte weiter auf der Piazza S. Fedele dröhnt flink geklimperter Jazz aus den Lautsprechern eines elektrischen Klaviers: Mailand bietet einen Tag der "improvisierten Bühne", an dem Laiengruppen aller Art sich präsentieren können.

Zur gleichen Zeit dokumentieren zwei in aller Welt renommierte Institutionen, das Teatro alla Scala und der seit Wochen dort an einer Koproduktion beteiligte Kölner Westdeutsche Rundfunk, daß auch sie zumindest in puncto Organisation gelegentlich wieder in den Status einer Laiengruppe zurückfallen. Da tritt, eben um jene Mittagsstunde, ein Herr aus der Direktionspforte dieses Opernhauses, das zu den ersten fünf in der Welt zählt, und klebt ein mickriges handgeschriebenes und dann hektographiertes grünes Zettelchen auf die scheunentorgroßen Ankündigungsplakate, die Mitteilung enthaltend, daß der dritte Akt nicht gespielt werden könne "a causa dell’ astensione dalla prestazione degli artisti del Coro" – weil also die Künstler aus dem Chor die Arbeit verweigern.

Da steht nun seit mindestens einem halben Jahr, eigentlich schon viel länger, nichts weniger Sensationelles fest, als daß die erste "Oper" von Karlheinz Stockhausen an diesem 15. März 1981 zum ersten Mal komplett und szenisch aufgeführt werden soll. Seit mehreren Tagen aber ist ebenso unumstößlich, daß der Chor der Scala für die etwa vier Minuten dauernde "solistische" Mitwirkung – die achtzig Damen und Herren singen dort nicht "synchron" – pro Person pro Abend 150 000 Lire (300 Mark) verlangt – oder aber nicht mitwirken will. Diese insgesamt 200 000 Mark stehen nicht zur Verfügung, der Chor bleibt hart – aber niemand gibt eine Notiz an eine Nachrichtenagentur, und so reisen die Theaterintendanten und Kritiker aus ganz Europa, aus Nordamerika, ja selbst aus Japan an, um – nun ja, um einen Torso zu sehen, dessen musikalischer Anteil längst bekannt ist. Und sogar so weit geht das chaotische Maß an Desorganisation, daß eine "Begrüßungs-Fanfare" à la Bayreuth wegen des Nieselregens zwar von der Piazza vor der Scala in das Foyer der dritten Etage verlegt, der Umzug aber nicht angekündigt wird, so daß außer zufällig anwesenden 20 Besuchern niemand diese Begrüßung hört und der Produktionspartner WDR nicht einmal Gelegenheit hat, die Mikrophone aufzustellen und die Fanfare aufzunehmen.

Dabei hatte es ein Ereignis werden sollen, das den Anfang markierte mehrerer Entwicklungen: des Aufbaus eines Werkes wie einer Person hin zu jener monumentalen Größe, die selbst die monströsen Vorbilder übertreffen, muß – Richard Wagner, dessen messianische Weihe und Funktion, seine Idee von der zu Festspielen sich versammelnden Gemeinde und sein dafür konzipiertes musikdramatisches Schaffen.

"Die Oper, die mich interessiert", sagt Karlheinz Stockhausen, "kann sich nur mit ewigen Fragen beschäftigen, ist in die Zukunft projiziert, nicht auf Vergangenes gerichtet."