Von Gunter Hofmann

Nürnberg, im März

Franz Josef Strauß hält von dem behutsamen Umgang Hans-Jochen Vogels in Berlin mit der neuen Protestgeneration herzlich wenig. Ihm mißfällt, wie er gern eingesteht, ebenso der Kurs der Stadt Nürnberg, dieser sozialdemokratischen Enklave in Bayern, die sich um eine ähnliche moderate und umsichtige Haltung bemüht. Strauß und sein Innenminister Tandler wünschen mehr Härte, so haben sie es seit Wochen den Ministerien und Behörden vorgebetet, lange vor der für diese Republik einmaligen Massenverhaftung von 141 meist jungen Leuten in der Nacht vom 5. auf den 6. März in Nürnberg. Also muß Strauß jetzt sein Modell verteidigen.

Erfreulich findet es auch der Ministerpräsident nicht, wenn Unschuldige verhaftet werden. Aber das könne nun mal passieren; als Parallele zu den 141 jungen Leuten fällt ihm ausgerechnet die rechtsradikale Nürnberger Wehrsportgruppe Hoffmann ein, die ja nach dem Münchner Attentat auch festgenommen worden sei. Wo gehobelt wird, fallen eben Späne.

Wohin es führt, wenn auf diese Nürnberger Weise "Gewalttätern" gezeigt werden soll, was ihnen in Bayern blüht, das kann man inzwischen besichtigen. Heimlich werden schon Sündenböcke gesucht. Der CSU in Nürnberg wird es mulmig, Teile der CDU rücken von Strauß ab. Vogels Berliner Gegenmodell erlebt Auftrieb. Lothar Späth, der bisher in Freiburg mit seiner Polizei gegen die Jugendlichen auch eine Politik des starken Staates betrieben hat, scheint dazuzulernen.

Das Bemühen um Dialog und Verständigung, mit allen unvermeidbaren Widrigkeiten, Rückschlägen und Tücken, kennzeichnete bisher das "Nürnberger Modell" der letzten sozialdemokratisch verwalteten Großstadt Bayerns. Zuletzt hat sich das an dem Versuch gezeigt, auf die wenigen Hausbesetzungen, die es seit Weihnachten gab, gesprächsbereit zu reagieren.

Die Genossen im Nürnberger Rathaus sind den Münchner Christlich-Sozialen ein Dorn im Auge; für den Schul- und Kulturreferenten Hermann Gläser gilt das in besonderem Maße. Anders als in Berlin, wo sich Vogel auf seinen besonnenen Polizeipräsidenten Klaus Hübner verlassen kann, hat die Landespolizei in Nürnberg mit Helmut Kraus einen Chef, dem der Kurs der SPD und Glasers nicht schmeckt. Er erklärte denn auch nach der Verhaftungsaktion die Absicht, sich friedlich mit Hausbesetzern zu arrangieren, für "gescheitert"; aus seiner Sicht handelt es sich ohnehin um einen Widerspruch in sich selbst. Diesen Staat, wie Kraus ihn sieht, repräsentiert auch der Generalstaatsanwalt Kurt Pfeiffer, der "vor allem" an Berlin denkt, wenn er von Nürnberg redet. Überhaupt meint man Strauß zu hören, wenn Pfeiffer spricht.