Wunschloses Glück, harmloses Glück – und ein Lehrstück vom Einverständnis

Von Benjamin Henrichs

Am Ende, so wünscht es sich Lessing, fällt "unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen der Vorhang. In Bochum fällt kein Vorhang. In Bochum erscheint, unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen, auf der Rückwand der weißen, offenen Bühne ein großer, schöner Regenbogen. In Bochum endet, kurz vor Geisterstunde, die längste Märchenstunde des deutschen Theaters. Und keiner, wirklich keiner, der nicht gerührt wäre. Mit Ovationen, unter lautstarker Wiederholung allseitiger Umarmungen, gehen Tag und Theatertag gemeinsam zu Ende.

Beinahe fünf Stunden vorher hatte der Abend mit einer Märchenszene begonnen: Ein junges Mädchen, Recha, war auf Karl-Ernst Herrmanns weiße, leere, von einem Neonlichtrahmen illuminierte Bühne gekommen, ein Rokoko-Stühlchen unter dem Arm – und die Bühne unter ihr hatte Feuer gefangen, sie aber nicht verbrannt. Aus der Ferne hörte man dazu Musik – die "Feuerprobe" aus Mozarts "Zauberflöte".

"Die Feuerprobe" hieß ein Stück, das Claus Peymann vor einigen Jahren unter dem wohl bekannteren Titel "Das Käthchen von Heilbronn" in Stuttgart inszeniert hat. Er hat dort auch Goethes "Iphigenie" aufgeführt, wo es am Ende zwar keine allseitigen Umarmungen, doch wenigstens eine allseitige Versöhnung gibt. Die "Zauberflöte", dies schönste aller Theatermärchen, hat er (noch) nicht inszeniert; bisher hat das Bochumer Schauspiel den Opernhäusern erst die "Fledermaus" entrissen.

Wie ein Bruderstück zu Mozarts Oper sieht der Bochumer "Nathan" jetzt schon aus. Peymann, der den öffentlichen Streit sucht, braucht und fröhlich genießt, macht sich in seinen Inszenierungen, gerade der deutschen Klassiker, auf die Suche nach der Versöhnung. Das Helle, Heitere, Kindlich-Kluge in den alten Stücken beschäftigt ihn weit mehr als ihre Konflikte und Schmerzen. Die "Iphigenie", das "Käthchen", der "Nathan" (und die "Zauberflöte") gelten als "unspielbare" Stücke – vielleicht, weil niemand außerhalb des Theaters ihren Vorschlägen zur Versöhnung glauben mag. Peymanns Expedition durch die deutsche Klassik ist ein Versuch über das Unmögliche.

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