Ein Bild gerät ins Wanken, ein Bild, das gern gezeichnet wird, wenn es darum geht, die "typische" Feministin zu charakterisieren: Das ist die hartgesottene Emanze, die Feindin der Männer, ihrer Unterdrücker, die verkappte Lesbierin, die es kategorisch ablehnt, Kinder zu bekommen, Kinder, die ihr Leben auf Windeln, Sandkasten und die Jagd nach Babysittern reduzieren.

In der feministischen Subkultur dagegen gedeiht seit geraumer Zeit ein ganz anderes, exotisches Pflänzchen – oder besser: ein ausgewachsener Wahn. Da lebt der uralte Muttermythos wieder auf, wird die Fähigkeit zu gebären zu singulärer Macht überhöht, die "Bewegung der dicken Bäuche" proklamiert.

Die Kugel in der Latzhose ist in, entsprechende Literatur wird produziert. In ihrem Buch "Mutter werden, die Geschichte einer Verwandlung" schwärmt Phyllis Chesler, eine radikale Feministin, die einst die Männer das Fürchten lehrte: "Ach Kindchen. Ans Ufer gespült, so nackt ... komm näher. Auge zu Auge, Seele zu Seele. Komm, begrüße deine neugeborene Mutter. Deine Geburt ist unglaublich, ein Wunder. Einmalig. Wahr. Es gibt nichts, was daran heranreicht. An dich heranreicht."

Die Filmregisseurin Agnes Varda läßt eine ihrer Heldinnen jubeln: "Wie schön, ein dicker Traum zu sein, wie schön, ein Ballon zu sein...". Feministische Zeitschriften singen das Hohelied vom Stillen und der Hausgeburt. Kurz: die historisch berüchtigte Verherrlichung der Großen Mutter feiert fröhliche Urständ – wenn auch heftig kritisiert von eher pragmatischen Feministinnen.

Und dann sind da die vielgescholtenen Karrierefrauen in den Mittdreißigern: erfolgreich, unabhängig, aber zunehmend über ihre Kinderlosigkeit grübelnd. Jetzt oder nie! lautet ihr biologischer Imperativ.

Fix und immer auf der Suche nach Trends haben sich die Amerikaner längst dieser Gruppe von Frauen angenommen. "Up against the clock" (gegen das Diktat der Zeit) heißt ein vielzitiertes Buch, in dem Frauen zwischen 35 und 45 erklären, warum sie kein Kind haben wollen, beziehungsweise warum sie noch im "hohen" Alter just eines in die Welt gesetzt haben. Diese Gruppe nämlich wächst gegenwärtig enorm: über 20 Prozent Erstgebärende mehr unter den 35- bis 39jährigen verzeichnet die US-Statistik. Bei uns ist das ähnlich. Und selbst noch mit 42 Jahren fragen sich mehr und mehr Frauen: Soll ich oder soll ich nicht? So berichtet jedenfalls die amerikanische Frauenforscherin Kathy Weingarten.

Schon haben die Amerikaner griffige Sprachformeln für dieses Phänomen der achtziger Jahre entwickelt: von midlife mothers und late parenthood chic ist allenthalben die Rede. Mit einer Modeerscheinung aber hat das Ganze wenig zu tun – zu unterschiedlich, zu komplex sind die Motive der späten Mütter – und Väter.