Trotz zahlreicher Fehlschläge ist der Kompromiß über die Fangrechte nicht mehr weit

Von Hans-Hagen Bremer

Minensucher der Royal Navy und Aufklärungsflugzeuge der Royal Air Force vom Typ Nimrod sind derzeit Großbritanniens stärkste Waffe im europäischen Fischereikrieg. Mit den Einsätzen zur See und zur Luft verfolgt die britische Regierung freilich ganz friedliche Zwecke in dem seit Jahren andauernden Konflikt. Wann immer nämlich ein Minensuchboot oder ein Nimrod-Aufklärer einen Fischkutter in den Gewässern um die britischen Inseln ortet, werden Angaben über Namen, Heimathafen, Größe und Fangausrüstung per Funk in einen besonderen Lageraum im Landwirtschaftsministerium in London übermittelt. Dort werden die Informationen ausgewertet und gespeichert, und der Standort des fremden Fischkutters wird auf einer großen Wandkarte eingetragen. Auf ihr ist der britische Teil des am 1. Januar 1977 von den EG-Regierungen gemeinsam etablierten 200-Seemeilen-Gebiets in der Nordsee und im Atlantik wiedergegeben – insgesamt 270 000 Seemeilen im Quadrat.

Mit den Daten, die schon seit geraumer Zeit gesammelt werden, will der britische Landwirtschaftsminister Peter Walker bei der Fortsetzung der Fischereiverhandlungen im Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft (EG) beweisen, daß Frankreich überzogene Ansprüche auf "historische Fangrechte" erhebt. Tatsächlich ist der Streit zwischen Paris und London über das Ausmaß traditioneller französischer Fischereitätigkeit in Gewässern nahe der britischen Küsten das Haupthindernis auf dem Wege zu einer gemeinsamen europäischen Fischereipolitik. Während die Franzosen behaupten, etwa die Hälfte ihrer Hochseefischerei schon immer in den von London reklamierten Gewässern betrieben zu haben, ist es nach britischer Ansicht bei weitem weniger. Das soll nun mit detaillierten Angaben belegt werden.

Chance auf Ausgleich

Gelingt dies, würde sich in der Schlüsselfrage der europäischen Fischereipolitik, der Frage des Zugangs zu den Gewässern, erstmals eine Möglichkeit für einen rationalen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Küstenbewohner und den Interessen der Fischer aus anderen EG-Ländern abzeichnen. Bislang war die Frage des Zugangs zu den Fanggründen vor allem dazu geeignet, diesseits und jenseits des Ärmelkanals Emotionen aufwallen zu lassen. Mit ihr begann vor beinahe elf Jahren, noch bevor Großbritannien Mitglied der EG geworden war, der Dauerkonflikt um die europäische Fischereipolitik.

Das ahnten die Landwirtschaftsminister der sechs Gründerstaaten der Gemeinschaft freilich nicht, als sie am 30. Juni 1970 in Luxemburg mit den Grundlagen für die gemeinsame Organisation des Fischereimarktes auch das Prinzip des ungehinderten Zugangs zu den Gewässern verankerten. Daß just an diesem Tag ein paar Türen weiter die Beitrittsverhandlungen mit Großbritannien, Irland, Norwegen und Dänemark feierlich eröffnet wurden, ist nur scheinbar ein Zufall. Frankreich hatte, gestützt auf die Beschlüsse der Haager Gipfelkonferenz von 1969, die vorherige Verabschiedung der Fischereimarktordnung zur Voraussetzung für die Aufnahme der Beitrittsgespräche gemacht. Die Quittung für diesen "Affront" (Handelsblatt) blieb nicht aus. Am Ende der Beitrittsverhandlungen mußte die EG das Prinzip des freien Zugangs für die Dauer einer zehnjährigen Übergangszeit einschränken. Die Norweger zogen es dennoch vor, sich in der Volksabstimmung gegen die EG-Mitgliedschaft auszusprechen.