Diepholz

Im Oktober 1978 starb die dreijährige Sandra. Bannasch an den fürchterlichen Verletzungen, die ihr entweder die Pflegeeltern Margit Zickwolf und Arthur Mattern gemeinsam oder einer von beiden während der nur zwei Monate dauernden "Pflege" zugefügt hatten. Zwei engbeschriebene DIN-A4-Seiten brauchten die Richter des Landgerichts Verden in ihrem Urteil vom Dezember 1980, um alle Verletzungen aufzuzählen, mit denen der Körper des kleinen Mädchens übersät war, als sie bewußtlos ins Krankenhaus eingeliefert wurde; eine Unzahl blutiger Striemen, das rechte Trommelfell zerrissen, eine Mutverkrustete Wunde auf dem Kopf, schwere Verletzungen im Genitalbereich des kleinen Mädchens, die auf eine Vergewaltigung hindeuten. Neun Tage später war Sandra tot, gestorben an "der Einwirkung stumpfer Gewalt" auf der rechten Kopfseite.

Die für den Tod des Kindes verantwortlichen Pflegeeltern sind verurteilt worden: Die Hausfrau und der Bauarbeiter, die im niedersächsischen Kirchdorf eine kleine Pferdezucht betreiben, erhielten jeder ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen "Mißhandlung einer Schutzbefohlenen". Für den Tod des Mädchens durften sie nicht bestraft werden, da die Richter nicht feststellen konnten, wer von beiden Sandra zu Tode geprügelt hat. Die Richter mußten daher wechselseitig zugunsten der Angeklagten unterstellen, daß jeweils der andere geprügelt hat. Der Vorwurf der sexuellen Mißhandlung wurde gänzlich fallengelassen. Die Pflegeeltern hatten behauptet, das dreijährige Kind habe sich die schweren Verletzungen selbst zugefügt. Die Richter glaubten ihnen und nicht den Sachverständigen, die dies für ganz ausgeschlossen hielten.

Ein bestürzendes Urteil. Und erschreckend sind auch die Umstände, die zum Tod des Kindes geführt haben.

Da ist die Pflegemutter, Margit Zickwolf, 26 Jahre alt, gelernte Industriekauffrau, ehemalige Botschaftsangestellte, die sich Kinder wünscht, aber wegen eines Reitunfalls keine bekommen kann. Da ist ihr Verlobter, Arthur Mattern, vierzig Jahre, selbst bei Pflegeeltern aufgewachsen, Volksschule nicht beendet, Pferdenarr, vorbestraft nach Verkehrsdelikten. Es sei ihm gut gegangen bei seinen Pflegeeltern, sagt Arthur Mattern, jetzt wolle er das weitergeben an andere Kinder ohne Zuhause...

Da sind die leiblichen Eltern des toten Kindes: Hartmut Bannasch, Trinker, ohne geregelte Arbeit; Karin Bannasch verdient als Bardame den Unterhalt für die Familie. Ihre Kinder, Sandra und der vierjährige Bruder Torsten, sind "aggressiv und distanzlos", wie es in den Akten des Jugendamtes Diepholz heißt. Sie sind oft allein, Torsten wird vom Vater geschlagen; sie erleben Prügeleien und Geschlechtsverkehr zwischen den Eltern, leben zeitweise bei den Großeltern. Als die Mutter sich scheiden lassen will, geht sie zum Jugendamt, um die Kinder vorläufig unterzubringen.

Und da sind schließlich die Beamten des Jugendamtes Diepholz, die sich bemühen, für Sandra und Torsten einen Platz in einer Familie zu finden, um sie nicht ins Heim stecken zu müssen. Sie sind froh über jedes Paar, das Kinder aufnehmen will.