Auf dem VW-Bus, mit dem er deutsche Kunst durch die deutschen Lande fährt, von Ausstellung zu Ausstellung, verkündet einer der Produzenten von heftig genannter, hastig verfertigter Malerei sein Rezept: "Durch die Pubertät zum Erfolg." Diese schnodderige Parole hätte einen hübschen Titel abgegeben für eine Ausstellung, die schlicht und umarmend "Rundschau Deutschland" heißt. Denn die Werke der neuesten Malerei, alle rechtzeitig zur Vernissage immerhin trocken, die in der Münchner Fabrik an der Lothringer Straße (nicht weit von der U-Bahn-Station Rosenheimer Platz) versammelt sind, haben zu einem großen Teil eines gemeinsam – sie berichten vom Zustand einer vor sich hin pubertierenden Malerei, die vermutlich gar nicht beabsichtigt erwachsen zu werden. Und genau das macht sie vielen Leuten offenkundig sehr sympathisch.

"Rundschau Deutschland" versteht sich nicht als Resümee der vorausgegangenen, regional akzentuierten Ausstellungen "Heftige Malerei" in Berlin oder "Mülheimer Freiheit & Interessante Bilder aus Deutschland" in Köln, obgleich die meisten der dort vertretenen Maler auch in München präsent sind. Die Ausstellung, die keine Vollständigkeit beabsichtigt und die nach dem Schneeballsystem zustande gekommen ist, will vor allem auf die "neuesten Ansätze" in der neuen Malerei hinweisen. Diese Ansätze, soweit überhaupt erkennbar, klaffen weit auseinander. Bei 27 Künstlern, die sich allenfalls darüber einig sind, daß es so gut wie nichts gibt, worauf man sich einigen könnte, ist das nicht verwunderlich. Vom persiflierten röhrenden Hirsch bis zum Matisse-Puzzle, vom Demö-Transparent bis zur mythologischen Darstellung in Comics-Manier ist ungefähr alles vorhanden, was auf einer Leinwand Platz findet. Ob das nun sentimental ist, roh oder vergagt, ob es Kunst in statu nascendi ist oder Malerei zitierende Malerei, eines ist es nicht: Kunst, die sich um bislang gültige Konventionen der Kunst kümmert.

Wer die schon mit mancherlei Etiketten versehene Malerei, deren italienische Variante zuerst Kunst-Schlagzeilen machte, nun emphatisch bejubelt, ihr schöpferischen Furor, überschäumende Phantasie und andere Genialitäten andichtet, hat sie ebenso mißverstanden wie derjenige, der all die Bilder für stümperhafte Einfalts-Pinseleien hält. Die Tatsache, daß diese Art von Malerei beim Publikum ankommt (die Münchner Veranstaltung ist erst ein Auftakt) und sich verkaufen läßt, auf Biennalen, der nächsten documenta und auch sonstwo, ist zunächst einmal nur ein Indiz dafür, daß sie aus irgendeinem Grund attraktiv erscheint. Und es ist durchaus fraglich, ob diese Attraktivität auf der Vermutung beruht, es mit respektabler Kunst zu tun zu haben.

Es könnte nämlich durchaus sein, daß die gelegentlich aufdringlich bunten Bilder, deren Machart sich im allgemeinen nicht um Finessen kümmert, für so manch einen streßgeplagten Zeitgenossen den süßen Vogel Jugend verkörpern, der aus dem Käfig der Leistungsgesellschaft entflohen ist. Soviel jedenfalls ist sicher: Die jungen Malerinnen und Maler aus der um 1950 geborenen Generation von Bundesbürgern beschäftigen sich mit ihren Problemen, mit ihren Träumen (falls sie noch welche haben) in einer Weise, die ihrem Lebensgefühl entspricht. Darin ist die Verweigerung mit eingeschlossen, sich Spielregeln anzupassen, die sie nicht gemacht haben und die sie als einengend empfinden – das gilt auch für die Kunst. Die "Rundschau Deutschland" ist zunächst einmal ein Rundschlag gegen alle Kunstrichtungen der letzten Jahre, die sich als Avantgarde definierten. Ich glaube nicht, daß dahinter die bewußte Absicht steckt, Tabula rasa zu machen; für die Auseinandersetzung mit den anspruchsvollen Entwürfen der Konzept-Kunst fehlt diesen Malern wohl das intellektuelle Rüstzeug. Kunst aus dem Kopf war für sie einfach eine zu wenig sinnliche Sache. Die Jungen malen sozusagen aus dem Bauch, die spürbare Intensität ihrer Bemühungen ist nicht zielgerichtet, erschöpft sich nicht selten in bloßem Aktionismus.

Man kann es auch so formulieren: Die "neuen Wilden", die auf die gewohnten Umgangsformen der Malerei verzichten, verspüren im Bauch ein Unbehagen, wissen aber im Kopf nicht, woher es rührt. Damit stehen sie nicht allein, ihr Problem ist das der heutigen Jugend überhaupt. Auch diese Maler sind unfähig, zu sagen, was genau ihnen fehlt, sie empfinden die Symptome, können sie aber nicht richtig benennen. Aus dieser Sprachlosigkeit entsteht ein Gefühl der Ohnmacht, wird das Malen zu einem unklaren Reflex auf undurchschaubare Vorgänge im Leben und in der Kunst – die Bilder beruhen letztlich auf dem gleichen Antrieb, der einen anderen, dem die Möglichkeit des Abreagierens durch Kunst fehlt, dazu bringt, Fensterscheiben einzuschlagen. Das heißt natürlich, daß diese Malerei als Gewaltakt zu verstehen ist, weder im direkten noch im übertragenen Sinn, sie ist vielmehr zu begreifen als Versuch der Befreiung zu sich selbst, unternommen mit plakativer Kraftmeierei, hinter der sich eine Ahnung von der vergeblichen Anstrengung verbirgt. Eine trotz der auftrumpfenden Geste ganz verschüchterte Kunst – ein Blick auf die traurigen Punk-Gesichter derer, die sie machen, erklärt, warum.

Im Mai ’68 hieß der Schlachtruf "Die Phantasie an die Macht!". Inzwischen ist dieses Manifest der Hoffnung nur noch Makulatur, auch die Phantasie ist zu einem gesellschaftlich vermittelten Produkt geworden. "Rundschau Deutschland" führt mit unerwünschter Deutlichkeit vor, wie tief bereits die Bilder der auf elektronischem Weg frei Haus gelieferten Wunschwelt in das Unterbewußtsein vorgedrungen sind – kaum einer, der sich mit Ironie oder Wut dagegen wehrt. Diese Bilder sind Beispiele einer Instant-Malerei, bestimmt zum sofortigen Verbrauch, heute gerade noch aktuell, morgen schon nicht mehr. Sie verdeutlichen aber auch den Bewußtseinszustand von Jugendlichen. No future, keine Zukunft. (Bis zum 13. April, Katalog 15 Mark)

Helmut Schneider