Erfahrungen aus einem Sozialpraktikum: Eine radikale Reform des Strafvollzugs tut not

Von Jost Peyer

Die Jugendstrafanstalt Hahnöversand bei Hamburg ist eine offene Anstalt. Wer hier "sitzt", gehört schon zu den Privilegierten unter den jugendlichen Kriminellen. Er bekommt eine Berufsausbildung und wird psychologisch betreut. Dennoch werden die meisten von ihnen wieder rückfällig. Woran liegt das?

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Offene Jugendstrafanstalt Hahnöversand bei Hamburg; mein erster Tag auf der "Insel", die für die nächsten vier Wochen mein Praktikumsplatz ist. Ich stehe vor der Tür von Haus 2, einer von vier Gefangenenunterkünften. Die Eingangstür hat keinen Drücker, nur ein überdimensionales Schloß. Der Beamte vom Aufsichtsdienst, der "Hausvater", kommt und schließt auf. Drinnen auf dem Flur stehen zwei Gefangene gelangweilt herum, der eine zerreißt ein auf der Heizung liegendes Schulheft, der andere schlägt mit dem zugehörigen Lineal so lange auf das Steinsims, bis es zerbricht.

Die Gefangenen, die ich aus der Lehrwerkstatt mitgebracht habe, werden in ihren Zellen eingeschlossen. Einer von den "Jungs" zeigt mir seine Zelle: 2,50 mal 3,50 Meter, vergittertes Fenster, Tisch, Bett, Waschbecken, Klo, Schrank, ein Sessel, ein Stuhl, alles sauber und akkurat. "Klein, aber fein", meint er, "die Wände hat gerade der Maler gemacht, meine Zelle ist noch eine von den besseren!" Er hat recht, andere Zellen machen einen völlig verwahrlosten Eindruck. Der "Hausvater" erscheint in der Tür, er will abschließen. Wohl zum hundertstenmal an diesem Tag holt er sein Schlüsselbund aus der Tasche und entläßt mich mit dem wohlmeinenden Ratschlag: "Es gibt drei Dinge, auf die Sie im Knast aufpassen müssen – Schlüssel, Sagen und Feilen!"

Zucht und Ordnung