Der Ex-Minister kehrt in die politische Arena zurück

Von Dietrich Strothmann

Ich habe ein Auge verloren. Ich bin an Krebs operiert worden. Einige Glieder sind mir gebrochen" – warum, so fragt der 65jährige Mosche Dajan, soll er sich deshalb aufs Altenteil zurückziehen? So kommt es, daß er in Israel wieder in aller Munde, in allen Schlagzeilen, auf sämtlichen Radio- und Fernsehkanälen ist.

Erst letzte Woche hatte er die öffentliche Aufmerksamkeit erneut für sich gepachtet: In Kairo traf er den ägyptischen Präsidenten Anwar el Sadat, dann gab es im Parlament Streit um sein neues Buch "Nicht für ewig das Schwert", in dem nach Ansicht kritischer Abgeordneter einige Staatsgeheimnisse aus den israelisch-ägyptischen Verhandlungen ausgeplaudert werden. Es ist für die Israelis nahezu unmöglich, nicht von Mosche Dajan "mitregiert", zumindest aber beschäftigt zu werden.

Von Menachem Begin, dem glücklosen Minderheits-Regierungschef, hören sie fast nichts mehr. Von dessen Herausforderer Schimon Peres, dem glanzlosen Führer der oppositionellen Arbeiterpartei, erfahren sie kaum etwas. Für Aufregung, Spannung, Wirbel sorgt allein der Stehaufmann Mosche Dajan, der sich zu den vorgezogenen Wahlen am 30. Juni mit einer neuen Partei ("Nationale Not") stellen will.

Noch gefällt sich der Kriegsheld, der als einziger in der ausgedünnten Politikergarde Charisma besitzt, in der Rolle des Umworbenen, der seine Trumpfkarte bis zuletzt im Ärmel versteckt hält. Noch kundschaftet der in vielen Schlachten erprobte Haudegen das brüchige Gelände aus: Soll er sich von dem unbeliebten ehemaligen Finanzminister Jigael Hurwitz vor dessen Wagen spannen lassen? Soll er einen anderen Ehemaligen, den Ex-Verteidigungsminister Ezer Weizmann, zur Mitkandidatur überreden, mit dem er – wie mit Hurwitz – verwandt ist und der – wie Hurwitz und er selber – Begin im Zorn den Rücken gekehrt hat? Oder soll er sich doch noch mit Jitzhak Rabin verbünden, dem ehemaligen Ministerpräsidenten, der Peres bei der letzten Labour-Vorstandswahl unterlegen war?

Die Wahl vor der Wahl wird dem "einsamen Fuchs", wie Dajan von Freund und Feind seit langem genannt wird, nicht leicht fallen. Denn Hurwitz, der Anführer der Rafi-Fraktion (die der damals aus der Arbeiterpartei ausgetretene David Ben Gurion gegründet hatte), ist ein strikter Gegner der Vereinbarung von Camp David; Dajan indessen ist einer ihrer Geburtshelfer (wie er es in seinem neuen Buch gebührend würdigt). Mit dem höchst unpopulären Hurwitz bekäme er, auch nach den jüngsten Meinungsumfragen, weniger Mandate. Anders mit Weizmann: Durch ihn gewönne Dajan vermutlich mehr Sitze, weil er bei den Israelis sehr beliebt ist, wenngleich er unter Politikern als unsicherer Kantonist gilt (Beiname: der "Playboy"). Rabin schließlich, der nach wie vor hohes Ansehen genießt und sich Dajan allein aus dem Grunde anschließen könnte, um Rache an seinem erfolgreicheren Nebenbuhler Peres zu nehmen, wird den Handel aus einem einfachen Grund ausschlagen müssen: Er war, während des Junikrieges von 1967, als Generalstabschef Dajans Untergebener und von ihm öffentlich als einfältig abqualifiziert worden.