Schwüler Frühsommertag in der russischen Provinz. Im Gartensaal des Herrenhauses warten Nachbarn, Freunde, Gäste auf das Mittagessen. Man döst, man liest, man schwatzt.

Am Schachbrett sitzt die Hausherrin, eine junge Generalswitwe, dein jungen Kreisarzt gegenüber. Beider Interesse gilt mehr der jeweiligen Herzkönigin oder dem Favoriten als der Dame oder dem König auf dem Holzbrett. Während die Witwe den Spielpartner über seine neue Liebschaft aushorcht, mahnt der Medicus immer wieder: "Sie sind am Zug. Ziehen Sie "

Die junge Frau zieht — den Revolver.

Und legt an auf den blasierten Dandy von Doktor, der gerade gestanden hat, er wisse nicht, was ihn zu der neuen Freundin ziehe: "Oh es Langeweile ist, ob Liebe oder noch etwas anderes, ich kann es nicht sagen "

Wundervolle Aufregung. Endlich ist was los. Aber die junge Witwe hat, wie mit den Figuren auf dem Schachbrett, auch mit der Pistole nur gespielt, und bald versinkt die Gesellschaft von Sommergästen wieder in Halbschlaf und Geplauder.

So beginnt der aus der DDR kommende Regisseur Thomas Langhoff die Inszenierung eines Stückes, das damit endet, daß eine junge Frau nach dem Revolver greift und den untreuen Liebhaber "direkt in die Brust" schießt, In den Münchner Kammerspielen darf die Rächerin ihrer Ehre nach einem — mehr Eindruck machenden — Gewehr greifen. Während die Mörderin in der wort- und tränenreichen Schlußszene des russischen Originals nur noch in den Szenenanweisungen vorkommt (wo sie beschimpft wird), rückt die Münchner Aufführung ie äte>n (als die einzige, die tätig gevoHfn Vt nicht nur Worte gemacht :rt) r- "" Mittelpunkt: Cornelia Frof ie Reisetaschen an sich und in das "neue Leben" auf, schwacher Geliebter nicht , für den sie doch Mann Schon in solchem Beginn — der aufs Ende verweist — zeigt sich die dramaturgische Begabung des Regisseurs. ThomasLanghoff und sein Münchner Mitarbeiter Michael Eberth haben das als wira und weitschweifig geschmähte Jugendwerk Tschechows nicht nur (auf eine im mer noch vier Stunden dauernde Spielfassung) gekürzt, sondern zugleich ger gliedert und interpretiert.

Gegenüber Tschechows Schluß, bei dem die Revolverbraut nichts mehr - z sagen hat, mag das Münchner Finale modisch feministisch wirken, also "positiv". Aber ist die junge Frau, die aus der alten, absterbenden Welt in eine Ungewisse neue stürmt, nicht dieselbe, die eben noch, schluchzend, vor dem Geliebten auf den Knien lag und gefleht hat: "Retten Sie mich, Platonow!"? Ist der tödliche Schuß nicht doch nur gespenstische Steigerung jener Drohgebärde, mit der schön in den ersten Minuten des Spiels eine tatkräftige, aber zur Untätigkeit verdammte, intelligente Frau das Tod bringende Instrument auf einen Mann gerichtet hat, der mit Frauen nur spielt?