Von Roswitha Steffen

Du bist meine Kuh", sagt Arun, die "aufgehende Sonne", bei der Hochzeitszeremonie zu seiner Braut. Er hat sich seine Kuh nicht selber ausgesucht, nach nepalesischer Sitte ist das Aufgabe seiner Eltern. Arun ist 28 Jahre alt, hat schwarze, lockige Haare und große, braune Augen, die bei der direkten Frage, ob er denn trotzdem glücklich sei, etwas verlegen lächeln. Doch, ja, er habe auch schon eine zweijährige Tochter. Seine Frau arbeitet im Ministerium, er selber hat in Kathmandu studiert und spricht ausgezeichnet deutsch.

Momentan arbeitet er für das nepalesische Reisebüro "Yeti" und hat sich an die direkten Fragen von Europäerinnen gewöhnt. Er läßt sich bereitwillig ausfragen, während wir den Pfad zum "Dorf der Nasenlosen", nach Kirtipur, hinaufschlendern. Die Einwohner von Kirtipur hören es gar nicht gern, wenn man sie nasenlos nennt, doch der Spottname haftet ihnen an, seit bei einem Überfall vor aschgrauen Zeiten allen Bewohnern die Nasen abgeschnitten wurden.

Arun plaudert aus dem nepalesischen Nähkästchen und man erfährt Erstaunliches: Nach der Geburt eines Kindes ist die Frau elf Tage lang unrein. Um wieder rein zu werden, muß sie Kuhdung und Kuh-Urin zu sich nehmen, natürlich nur in winzigen Mengen – ein Krümelchen und ein Tröpfchen mögen genügen. Ein Dutzend Europäerinnen ringt stumm nach Luft, zwölf Augenpaare weiten sich entsetzt.

Auch die Aussicht, einmal im Monat, nämlich während der Menstruation, vom lästigen Küchendienst befreit zu sein, kann da nicht mildernd wirken. Während dieser Tage ist die Frau ebenfalls unrein und darf die Küche – der heiligste Ort des Hauses – nicht betreten. Wohl dem Gatten, der da auf ein anderes weibliches Familienmitglied zurückgreifen kann, sonst bleibt er unbeköstigt, wenigstens am heimischen Herd. Es sei denn, er nimmt es selbst in die Hand und reicht in grenzenloser Güte auch der unreinen Gemahlin ein Schälchen Reis. Sie muß sowieso immer hinter ihm zurückstehen, darf nicht vor ihm beginnen zu essen, hält sich einen Schritt hinter ihm und redet ihn auch artig mit "Sie" an, während er sie natürlich duzt. Arun räumt ein, daß Frauen es in Nepal nicht leicht haben und die meisten lieber ein Mann wären.

Wer Indien bereist hat, kennt ja schon die Heiligkeit der Kühe – hier in Nepal scheint sie aber noch ausgeprägter zu sein. So soll zum Beispiel der Schluck Kuh-Urin den Unsterblichkeitstrank der Götter ersetzen. Sollte es einem Fremden passieren, daß er einen Nepali tötet, so erwarten ihn hohe Strafen. Diese verdoppeln sich jedoch, wenn es ihm einfallen sollte, eine Kuh ins Jenseits zu befördern. Er kann sich auch nicht damit herausreden, daß er die Kuh hätte "opfern" wollen. Geopfert werden nur männliche Tiere. Vom bescheidenen Hahn über den Ziegenbock bis hin zum stattlichen Wasserbüffel.

Zweimal wöchentlich, dienstags und samstags, kann man dieses Schauspiel am "Dak-Schin-Kali" erleben und ablichten, so man sich einen Platz erkämpft in dem Gewühl vom Blutrausch gepackter Touristen. Mich packte er auch – ich gestehe es reuig – ungeachtet der Blutspritzer auf den lindgrünen Jeans.