Von Hanns Grössel

Während der vergangenen Jahre sind erste Teile des literarischen wie auch des ethnologischen Werkes von Michel Leiris in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht worden: seit 1963 schon lag der autobiographische Essay "Mannesalter" vor, den 1975 der Suhrkamp Verlag nachgedruckt hat; 1979 veröffentlichte Matthes & Seitz den Erstlingsroman "Aurora", und seit 1977 erscheinen im Frankfurter Syndikat ausgewählte ethnologische Schriften, übersetzt von Rolf Wintermeyer, herausgegeben von Hans-Jürgen Heinrichs. Dem ersten Band mit dem Titel "Die eigene und die fremde Kultur" folgte 1978 "Das Auge des Ethnographen", und als dritten Band der Edition hat jetzt das Syndikat den ersten Teil des Reisetagebuchs "Phantom Afrika" herausgebracht –

Michel Leiris: "Phantom Afrika – Tagebuch einer Expedition von Dakar nach Djibouti 1931–1933", Band I, aus dem Französischen von Rolf Wintermeyer, herausgegeben und mit einer Einleitung von Hans-Jürgen Heinrichs; Ethnologische Schriften III, Syndikat, Frankfurt, 1980; 312 S., 38,– DM.

Michel Leiris, der am 20. April 1981 achtzig Jahre alt wird, hatte in den zwanziger Jahren den Surrealisten nahegestanden und in deren Zeitschriften erste literarische Arbeiten vorgelegt. Im Jahr 1929 trennten er und andere sich von der Gruppe um André Breton und arbeitete an der Zeitschrift Documents mit, die im gleichen Jahr Georges Bataille gegründet hatte. Unter ihren Autoren war auch der Ethnologe Marcel Griaule, ein Schüler des Soziologen Marcel Mauss; er schlug Leiris vor, an einer von ihm geleiteten, mehrjährigen sprachwissenschaftlichen und völkerkundlichen Expedition durch Afrika teilzunehmen, als Sekretär und Archivar.

Leiris nahm den Vorschlag an, teils, weil er gerade eine seelische Krise durchmachte und von einem "scheußlichen Gefühl sowohl geschlechtlicher als auch geistiger Impotenz" nicht loskam, wie er in "Mannesalter" schreibt – teils, weil die politischen Verhältnisse in Europa ihm unerträglich erschienen: "Mechanik, Waffen und Haudegen überall", heißt es einmal in "Phantom Afrika", und an späterer Stelle: "Unmöglich, mir den Gedanken an einen Krieg aus dem Kopf zu schlagen."

Zur Ethnologie war Leiris nach eigener Auskunft über die Kunst der Neger gestoßen. 1930, ein Jahr vor Aufbruch der Expedition, hatte er sie als eine "herrliche" Wissenschaft definiert, "die alle Zivilisationen auf dieselbe Stufe stellt und trotz der mehr oder weniger großen Komplexität des Überbaus oder des mehr oder weniger prononcierten Raffinements der sogenannten ‚Moralbegriffe‘ keine von ihnen als a priori wertvoller betrachtet als die andere". Erfahrungen mit ethnologischer Feldarbeit machte er freilich erst bei der Griauleschen Expedition, deren Ausgangspunkt Dakar im Senegal war.

Das Tagebuch, das Leiris zwischen dem 19. Mai 1931 und dem 16. Februar 1933 geführt hat, ist denn auch großenteils das Protokoll einer Desillusionierung. Wie ihm bald klar wird, ändert sein wissenschaftlicher Auftrag nichts daran, daß er als Angehöriger einer Kolonialmacht nach Afrika kommt (1904 war das Generalgouvernement Westafrika, 1910 das Generalgouvernement Äquatorialafrika etabliert worden). Und die Methoden gar, mit denen sich die Expedition Material beschafft, beispielsweise Masken und Fetische bei den Dogon, sind schlichtweg Räuberpraktiken. Bei solchen Gelegenheiten erweist sich die Ethnologie als Teil jenes Kolonialismus, zu dessen Abschaffung sie im Idealfall beitragen sollte. Vom unbefangenen "Eintauchen... in eine primitive Mentalität", das Leiris sich als Rettung aus eigenen Miseren erhofft hatte, konnte jedenfalls keine Rede sein.