... verprellen Menschen andere, wenn sie Mißmut oder Traurigkeit zu erkennengeben? Warum ist der strahlende Held, der sunnyeverybody, der Frauenbetörer und Partylöwe so viel mehr "Identifikationsangebot" als etwa der Grübler und Melancholiker? Kann man sich Anthony Perkins als Präsidenten der USA vorstellen? Kann man sich – Joachim Kaiser stellte das makabre Tableau einmal auf – Franz Kafka vor der obligaten Chrysanthemen-Rampe als Paulskirchen-Redner denken? Es muß keineswegs eine schenkelklatschende Weißwurstseligkeit im Dunst des Oktoberfestzelts sein, die Leute "anzieht"; aber zieht Nachdenklichkeit sie gleichsam aus? Stört da eine seelische Nacktheit, ist es die taktlose Unerfreulichkeit, mit der manche Leute auf das nichtssagende "Wie geht’s denn?" einem tatsächlich sagen, daß sie Nierenschmerzen oder Stuhlgangbeschwerden hatten, statt des üblichen "Danke, gut".

Menschen weichen vor dem Unglück anderer zurück, und sie sind fasziniert vom – vermeintlichen – Glück. Haben sie Furcht, daß Pech "klebt"? Ein paradoxes Beispiel. Ich bin befreundet mit einem jungen homosexuellen Arzt, ein unglaublich ernsthafter, seinen Beruf liebender Mann, der freiwillig von Telephonseelsorge bis zu Blaukreuzlern das praktiziert, was man gemeinhin "Menschenliebe" nennt. Ein gleichzeitig innerlich verzagter, einsamer Mann – keine Chance für ihn. In der "scene" – also einschlägigen Bars – steht er ratlos und unbeachtet zwischen den hüpfenden Knaben aus der III. Etage, Damenoberbekleidung, oder den ältlichen Herren, die sich im Mercedes vor der bösen Lederbar rasch in die kühne Motorradkluft werfen – irgend etwas, die Haltung, die Mimik, die Gestik, die Art, ein Glas zu halten oder eine Zigarette (nicht) zu rauchen: etwas ist da, was andere flüchten macht. Man kennt das von großen, pathetischen Momenten her: wie etwa keine einzige Kameraeinstellung mehr Willy Brandt zeigte, eine Minute nach seiner Rücktrittserklärung; vielleicht muß das in der rauhen Luft der Machtpolitik so sein – muß es auch im täglichen Leben so sein? Es ist eine Mischung aus Dummheit und Unbarmherzigkeit. "Schuppen stoßen ab", hieß mal eine Haarwasserreklame. Stoßen Seelenschuppen auch ab? Geht es nur mit "Hoppla, da bin ich"? F.J.R.