In der eidgenössischen Stadt Wil im Kanton St. Gallen machen die Bürger ihr Fernsehprogramm selbst. Jeden Montag um 18.30 Uhr erscheint der filmende Bär, das Signet des Wiler Lokalfernsehens, auf den Bildschirmen. In einem einstündigen Programm, live aus dem Studio im Dachgeschoß des Jugendzentrums, wird über örtliche Feste und Verkehrsprobleme, über die in der Schweiz allgegenwärtigen Abstimmungsvorlagen, über Vereinsbetrieb und Sport berichtet.

Für die Nachrichten, jeweils zehn bis fünfzehn Minuten, sorgen die Redakteure der vier ortsansässigen Zeitungen. Das sind die einzigen Profis im Wiler Sendebetrieb. Kameraleute und Regisseure, Drehbuchautoren und Tonmeister, Moderatoren und Cutter – allesamt sind sie Hobby-Fernsehschaffende, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich am Lokalfernsehen, das so zum Bürgerfernsehen werden soll, mitarbeiten.

Fest engagiert und besoldet sind nur zwei Leute, und die halbtags. Sie sehen es als ihre Aufgabe, den Bürgern den Zugang zum Medium Fernsehen zu ebnen.

Der Versuch hat im September 1980 begonnen. Die Möglichkeit dazu bestand bereits seit 1977. Damals erließ die Schweizer Bundesregierung eine Kabelrundfunk-Verordnung.

Die großen Medienkonzerne zeigten zunächst nur gedämpftes Interesse, zumal Werbung als Finanzierungsquelle ausdrücklich ausgeschlossen war. Fast wäre die Einladung zum Experiment (die Verordnung läuft im Sommer 1981 aus) ungenutzt geblieben. Doch schließlich kam die Initiative von zwei Institutionen der politischen Bildung: der Stiftung Dialog (die sich an Jugendliche richtet) und der altehrwürdigen Staatsbürgerlichen Gesellschaft. Neben Wil fanden sich Zug und Solothurn als Versuchspartner.

Daß ausgerechnet die 20 000-Einwohner-Gemeinde Wil zu den Protagonisten der Medienzukunft gehört, hat in der Schweiz einiges Erstaunen ausgelöst, gilt doch die traditionsreiche Gemeinde, von der Christlichen Volkspartei politisch beherrscht, als geradezu sprichwörtlich verschlafen. Das ficht Wils Stadtammann Hans Wechsler nicht an. Sein Engagement für das Lokalfernsehen hat er in zahlreichen Interviews deutlich gemacht: Er verspricht sich vom Lokalfernsehen eine integrierende Wirkung. Hier liegt nämlich ein Problem der alten Gemeinde Wil. Um den historisch gewachsenen Kern, der auch die "Urbevölkerung" beherbergt, hat sich ein Ring von Neubausiedlungen entwickelt. Die Kontakte zwischen Alt- und Neubürgern lassen zu wünschen übrig. Hier soll das Lokalfernsehen als "elektronischer Dorfplatz" wirken.

Das Wiler Fernsehen, als Pilotprojekt bis Mitte 1981 geplant, ist der bislang längste Versuch mit lokalem Kabelfernsehen im deutschsprachigen Raum. Die Voraussetzungen sind in der Schweiz allerdings auch günstig: Weil im Schweiz schon längst verkabelt. Auch die Wiler empfangen ihre neun Fernsehprogramme (vier deutsche, zwei österreichische und drei schweizerische) schon seit Jahren über Kabel. Ein zusätzliches Programm einzuspeisen erfordert nur geringen technischen Aufwand. Über 90 Prozent der Haushalte in Wil, mehr als viertausend, sind an das Kabelnetz angeschlossen.