Von Wolfgang Gehrmann

Die Firmenleitung dachte im Futur. "Der Vorstand ist zuversichtlich", so konstatierte Zum Jahresanfang die Führung des Faserherstellers Enka AG, "daß diese Maßnahmen einen unerläßlichen Beitrag zur Zukunftssicherung der Enka-Gruppe darstellen."

Doch so richtig zukunftweisend und vorwärtsdrängend wirkten sie eigentlich nicht, diese Maßnahmen. Die Rede war nämlich davon, daß Enka 4000 Mann aus der Lohnliste streichen will – in dem deutsch-holländischen Chemiekonzern eine Praxis mit trauriger Vergangenheit. Um 16 000 Arbeiter hat Enka in den siebziger Jahren schon die Belegschaft verringert. Zu wenig.

Anlaß für den Schnitt beim Personal ist heute wie ehedem die Absatzkrise in Europas Faserindustrie. Unter der zählebigen Misere leidet Enka nicht allein. Bayer und Hoechst verhehlen nicht, daß sie im Geschäft mit künstlichen Fasern und Fäden Geld verlieren. Dupont und ICI gehören gleichfalls zu den Minusmachern. Die Verluste aller europäischen Faserhersteller hat Enka-Chef Hans Günther Zempelin für das vergangene Jahr auf zwei Milliarden Mark errechnet.

Seit 1974 schon mühen sich die Fädenzieher vergebens um auskömmliche, Erträge. Doch rätselhaft ist nicht allein die schier endlose Dauer der Durststrecke. Verwunderlich ist auch, daß die Kunstfaserspinner überhaupt in der Bredouille sind. Ihre Produkte sind so modern wie nur etwas, und der Bedarf danach wächst weltweit ohne Unterlaß. Zu Recht war deshalb in den sechziger Jahren die Faserindustrie in den Ruf einer Wachstumsbranche par excellence gekommen.

Aus dem künstlichen Seidenfaden, den der Graf Hilaire de Chardonnet vor einem Jahrhundert herstellte, indem er nitrierte Zellulose in einem Alkohol-Äther-Gemisch löste, die Lösung durch feine Glasröhren preßte und dann das Lösungsmittel verdampfte, haben die Chemiker in immer kürzeren Entwicklungsschritten vollsynthetische Fasern für ungezählte Anwendungen gemacht.

Die Nyltesthemden aus Polyamid, in denen deutsche Männer Ende der fünfziger Jahre dem Fortschritt zuliebe transpirierten und den Gilb fürchteten, sind längst komfortablen Textilien gewichen, die aus Mischungen von modernen Polyesterfasern und Baumwolle bestehen.