Von Sigrid Löffler

In Wien beginnt man bekanntlich erst wahrhaft zu leben, wenn man tot ist. Dies hat sich soeben aufs neue erwiesen, als sich die Nachrufschreiber des verstorbenen Schauspielers Paul Hörbiger bemächtigten. Der 87jährige Senior des Hörbiger-Wessely-Clans ist von der Wiener Nekrologie – einer beliebten Spielart des Wiener Huldigungs-Feuilletonismus – zu einem Typus stilisiert worden, der in den Köpfen der Leute um so hartnäckiger weiterlebt, je weniger er von der Realität gedeckt ist: zum "Urbild des Wieners".

Die Epitheta, mit denen der Film- und Burgschauspieler, der Orchideenzüchter und Heurigensänger, der Tierfreund, Memoirenschreiber und ältere Bruder des Attila Hörbiger bedacht wurde, ähnelten einander frappierend. Da war von der "Verkörperung des Wieners" die Rede, vom "letzten Giganten des Urwienerischen", vom "Wiener schlechthin"; auch die Bezeichnung "Volksschauspieler" fiel des öfteren, vorzugsweise mit falsch verallgemeinertem Pauschal-Trauerrand: "Mit ihm ist die wundervolle, bereits legendäre Spezies der alten, vielgeliebten Volksschauspieler nun wohl endgültig ausgestorben."

Worin dieses "Wienertum" denn eigentlich bestanden hat, wurde eher um- als beschrieben. Vordergründig wird immer die grantige Güte, ein verraunzt-verschmitztes Mit-allem-einverstanden-Sein mit dem Wienerischen schlechthin identifiziert. Und "Volksschauspieler" wird zwangsläufig jeder, der Nestroy spielen und das Fiaker-Lied singen kann und sich in Film-Schnulzen abwechselnd als Kaiser Franz Joseph und als Dienstmann blicken läßt.

Hinter dieser Verherrlichung des Grants als eines angeblich wienerischen Spezifikums wurde in den Hörbiger-Nachrufen ein Wesenszug angedeutet, der sich in den Wiener Kleinbegebenneuen der letzten Tage auf das unheimlichste bestätigt hat: ein spezifischer Wiener Dilettantismus, der sich den herzinnigen Pfusch noch als besondere Qualität zugute hält. Im Nekrolog-Deutsch heißt das: "Auch das war eine Spezialität Pauls des Großen: darin vollendet zu sein, was er nicht perfekt beherrschte." So gesehen, galt die Liebe des Publikums der Entlastungs- und Identifikationsfigur Hörbiger, worin die eigene schlamperte Dilettantenhaftigkeit ihren augenzwinkernden Trost fand.

Wer solche Unprofessionalität nicht als begnadet zu rühmen bereit ist, gilt als Spielverderber und wird als solcher totgeschwiegen. Wie dieser Tage Burgtheater-Direktor Achim Benning. Er hatte beschlossen, den Wiener Dilettantismus von sofort an nicht mehr liebenswürdig zu finden: Als ihm jüngst die Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien für seine Inszenierung von Gorkis "Sommergästen" verliehen wurde, hielt er statt einer Dankesrede eine große Schmährede auf die Verluderungen im Wiener Kulturjournalismus. Einer versteinerten Festversammlung kündigte er jede feierliche Ergiffenheit auf, denn: "Solch ein öffentliches Ineinanderverliebtsein verschleiert gar zu sehr die wahre Lage, verewigt unsere unaufrichtigen Haltungen zueinander und handelt unsere jeweiligen opportunistischen Attitüden als aufrichtige Überzeugungen."

Statt artige Lügen zu drechseln, kritisierte Benning die Kritiker, jene, "die von ihrer kritischen Aufgabe intellektuell überfordert zu sein scheinen; die in einem traurig-qualvollen Verhältnis mit der deutschen Sprache leben, sich auf ihre Arbeit nicht vorbereiten, Stücke, Übersetzungen, Sekundärliteratur nicht lesen, für Pressekonferenzen zu fein sind oder zu spät aufstehen; die aber, wenn sie kommen, nicht in der Lage sind, die gebotenen Informationen ihren Lesern zu vermitteln; die das Theater nicht leiden können und die, die es machen, schon gar nicht und die sich oft – in den verschiedensten Masken, manchmal sogar als alter Goethe hergerichtet – in der Nachfolge von Karl Kraus sehen, aber dessen großen Haß nur in kleinen Portionen schnell vergänglicher Gehässigkeiten tradieren".