Von Hans C. Blumenberg

Der da ist weit weg, ganz am Anfang schon und viel später auch noch. Der da sieht aus wie einer, dem man nicht nahekommen möchte. Der da hält sich die Hoffnung vom Leib. Der da ist ein Verlorener. Das merkt man gleich, auch, als er noch zu gewinnen scheint.

Der Mann heißt Jake La Motta. "Raging Bull" nannten sie ihn damals, den wütenden Stier aus der Bronx, die unbarmherzige Kampfmaschine, die sich nach Schlachten gegen Sugar Ray Robinson, Tony Janiro und Marcel Cerdan 1949 die Weltmeisterschaft im Mittelgewicht eroberte. Zwei Jahre später verlor La Motta den Titel wieder gegen Robinson. Da sah er aus, als sei er unter eine Dampfwalze geraten. In den folgenden Jahren wurde er fett. Er versuchte sich als Nachtklub-Besitzer. Seine Frau verließ ihn. Als Witzereißer trat er in drittklassigen Kaschemmen auf: "Als ich zum ersten Male hier auftrat, fragte ich den Besitzer, wo die Toilette ist. Er sagte: Du stehst mitten drin."

"Das Herz eines Boxers" besang einst Max Schmeling. Und die meisten der Faustkämpfer-Biographien aus Hollywood erzählen optimistische Geschichten: wie sich einer hochboxt, schließlich den Champion herausfordert und selber den Titel erringt. Das war so in Raoul Walshs "Gentleman Jim" (1942) über James Corbett (Errol Flynn), das war kaum anders in "Somebody Up There Likes Me" ("Die Hölle ist in mir", 1956) von Robert Wise mit Paul Newman als Rocky Graziano. Diese und ähnliche Filme, zuletzt noch Sylvester Stallones zweiteilige "Rocky"-Saga, verkündeten amerikanische Gewißheiten: daß es für den armen, aber bärenstarken Jungen aus dem Slum eine Chance gibt, wenn er es nur lernt, seine Fäuste in einem von Seilen markierten Viereck wirkungsvoller zu gebrauchen als jeder andere.

Martin Scorsese, 1942 als Sohn italienischer Einwandert* geboren, wuchs im "Little Italy" von New York auf, einer Gegend, die gezeichnet war von der Gewalt auf den Straßen, wo die jungen Männer sich nur vorstellen konnten, Priester zu werden oder Gangster. Oder auch Boxer wie Jake La Motta und Rocky Graziano. Die Boxer wiederum waren von den Gangstern abhängig. Und auch davon handelten Hollywoods Boxer-Filme: "The Set-Up" von Robert Wise, "Body and Soul" von Robert Rossen.

Natürlich hat Martin Scorsese, schon mit acht Jahren von einer unheilbaren Kinomanie geschlagen, alle diese Filme gesehen. Aber "Raging Bull" (Verleihtitel: "Wie ein wilder. Stier") ist doch ganz anders: kein ungebrochenes Aufsteiger-Drama, schon gar kein Thriller, viel mehr die Beschreibung eines Mannes, der eine Art von Krieg führt, gegen die Welt und gegen sich selber. Dieser Jake La Motta ist ein Bruder von Scorseses "Taxi Driver" Travis Bickle: wie jener ein einsamer Wolf, ein kaputter "Macho", dessen beschädigte Emotionen gelenkt sind auf Gewalt und (Selbst-)Zerstörung.

Er bleibt uns fremd von der ersten Einstellung an. Die Kamera von Michael Chapman beobachtet ihn aus der Ferne bei der Aufwärmarbeit vor einem Kampf. Durch die Ringseile hindurch erkennt man eine in einen Leopardenmantel mit Kapuze gehüllte Figur, die, in Zeitlupe, einen archaischen Kriegstanz aufzuführen scheint. Dahinter eine Wand aus Rauch und Nebel, durch die gelegentlich Blitzlichter dringen. Es ist eine unwirkliche Szenerie. Nicht ein Champion wird da vorgestellt, sondern ein Urwelt-Wesen. Das Schwarz-Weiß-Verfahren, das Scorsese gewiß nicht nur gewählt hat, weil er einen Feldzug gegen Eastman-Kodak und das Ausbleichen älterer Farbkopien führt, verstärkt noch den Eindruck von Distanz.