Von Moskitos begleitet durch ein Mexiko der Gegenwelten: das der Spanier und das der Mestizen, das der Indios von heute und das der alten Kulturen / Von Norbert Denkel

Mit großen Erwartungen war ich angekommen. Tausende Kilometer geflogen, und nun diese Enttäuschung: Mexiko City. Die Luft war zum Schneiden dick voller Abgase, gelblich, gräulich, die Sichtweite wie an einem Hamburger Dezembertag. Ich war nur noch einer in der unvorstellbaren Zahl von dreizehn oder achtzehn Millionen Menschen, die hier, 2240 Meter hoch, Palast an Hütte und Ruine an Baustelle, die größte Stadt der Welt bewohnen.

Wer sich und anderen beweisen will, daß die Welt rettungslos schlecht und eine verfahrene Sache ist, der kann das an Hand von Glanz und Elend dieser Stadt leicht tun. Alle gräßlichen Dinge, von denen ich vorher gelesen hatte, schienen mir nur allzu wahr beschrieben. Mir war aber nicht nach nochmaliger Bestätigung zumute. Ich suchte einen Ausweg.

Dabei war ich auf das ausgedehnte Museo Nacional de Antropologia im Park von Chapultepec, mitten in der Stadt, gestoßen. Diesem Labyrinth nach Stunden wieder entronnen, stand für mich fest: Eben hat die Reise begonnen, mit dem Museum als Gebrauchsanweisung für das Land. Dort ist die Zeit angehalten in jener Stunde, da ein paar hundert Spanier mit Hernando Cortez das Land betraten. Was übrigblieb, nach dem vernichtenden Zusammenprall der Kulturen, ist deutlich wie ein Bilderbuch ausgebreitet. Nur die Füße werden müde, nicht der Kopf.

Meine Reiseroute war nun umrissen. Ich wollte nach Norden in die Sierra Madre Occidental zu den Tarahumaras, in das Hochtal rings um Mexiko City, in den Süden zu den Nachkommen der Mayas in Yucatán und Chiapas, und, und, und...

Da wußte ich noch nicht, wie einfach bisher alles gewesen war. Ich ahnte noch nichts vom Hurrikan "Allan" (er war angeblich schon abgezogen), nichts von der unglaublich feuchten Hitze der Regenwälder, nichts von meinen millionenfachen Reisebegleitern, den Moskitos, nichts von allen anderen Beschwernissen eines Einzelreisenden: Nachtlager suchen, Fahrzeuge auftreiben, Fremdenführer abwehren. Ich ahnte aber, daß ich das Museums-Mexiko inmitten des heutigen Landes suchen müßte – und umgekehrt. .

Die Innenstadt von Mexiko City steht auf dem Schutt von Tenochtitlan. Unangreifbar hatten die Azteken ihre Hauptstadt als künstliche Insel mitten in einen See gebaut. Cortez und seine Nachfolger ließen von der Aztekenstadt nichts mehr stehen, den See legten sie trocken.