Heute soll die Stadt explodieren!... Schwarzer Freitag für die Berliner Burschuasi. Dezentrale Aktionen der Spaßgerilja in allen Stadtteilen, zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Die regierenden Kackvögel, Kaputtsanierer, Geiselnehmer und Knastbaumeister stehen nicht unter Denkmalschutz. Eine Abrißgenehmigung vom Amt für revolutionäre Umtriebe liegt vor.

Aus der in Berlin erscheinenden "Tageszeitung". In dem Text sah die Berliner Staatsanwaltschaft eine Aufforderung zur Gewalt und ordnete eine Durchsuchung der Redaktionsräume an.

Taboris Beckett-Projekt in Gefahr

Das wäre eine der aufregendsten Unternehmungen der Münchner Theatersaison geworden: Georges Taboris Beckett-Projekt in einem Zelt des "Zirkus Atlas". Auf den ersten Teil "ich bin unglücklich, aber nicht unglücklich genug, das war immer mein Unglück" (ZEIT vom 19. 12. 1980) sollte ein zweiter folgen, der sich mit einem Prosastück Becketts beschäftigt ("Der Verwaiser") und ein dritter ("Glückliche Tage"). Es gibt von Beckett ein Stück, das nur aus einem Schrei besteht ("Atem"). In München gibt es ein dreiteiliges Beckett-Projekt, das nur aus einem ersten Teil besteht. Taboris Arbeit ist in größter Gefahr: Das Münchner Kulturreferat hat kein Geld mehr für den Zirkus, in den Münchner Kammerspielen, die Tabori für zwei Produktionen pro Spielzeit als Regisseur verpflichtet haben, gibt es keinen Raum (und auch kein Geld für Taboris Schauspieler). Am 13. April, zu Becketts 75. Geburtstag, sollte "Der Verwaiser" Premiere haben. An diesem Tag wird in München vielleicht ein Stück zu sehen sein, das radikaler ist als alle Stücke Becketts bisher: nicht einmal mehr ein Schrei. Denn der Vorschlag der Kammerspielleitung dürfte selbst Tabori, dem Geld- und Raumnöte nicht fremd sind, den Atem rauben. Im Anschluß an Dieter Doms trostlose "Iphigenie"-Inszenierung sollte er den "Verwaiser", konzipiert für den Zirkus, als Spätvorstellung auf der Bühne der Kammerspiele zeigen (allerdings nur 70 Minuten lang, bis das technische Personal Feierabend hat). Taboris Theaterarbeit aber hätte es verdient, ihr siebenmal 70 Minuten Spielzeit zu opfern. Wann geben die Kammerspiele den Premierentermin für Taboris "Verwaiser" bekannt?

Ullsteins Gegenboykott

Wie du mir, so ich dir: alle Autoren, die sich im September 1980 an der Initiative "Wir schreiben nicht für Springer..." beteiligten, werden zukünftig nicht mehr im Springer-Verlag Ullstein/Propyläen publizieren dürfen. Zwar richtete sich damals die von Peter Rühmkorf auf dem PEN-Kongreß begonnene Aktion nur gegen die Zeitungen des Konzerns, vor allem gegen "Bild" und "Welt", zwar hatte man damals den Ullstein-Buchverlag ausdrücklich von der Kampfansage ausgenommen, doch Springer ist gekränkt und will offenbar niemanden der mehr als 300 unterzeichneten Schriftsteller und Publizisten in seinem Verlag haben. Jedenfalls ist jetzt eine seit längerem geplante Berlin-Anthologie geplatzt, zu deren Autoren auch Teilnehmer der Anti-Springer-Initiative gehören sollten. Ihnen schrieb der Verlagsleiter Hans F. Erb einen Brief, in dem er sie vor die Wahl stellte, entweder die Unterschrift unter der Boykott-Liste oder ihren Beitrag für die Anthologie zurückzuziehen. Man kann aus dem Exempel lernen, daß Rache süß ist. Man kann aber auch vermuten, daß dies ein nicht unwillkommener Anlaß ist, das politisch und literarisch lebendige Programm des Ullstein Verlags ideologisch auf Vordermann zu bringen.

René Clair

Als René Chomette im Alter von 22 Jahren Filmdarsteller wurde, betrachtete er das als reinen Broterwerb. Der junge französische Journalist war im Ersten Weltkrieg einige Monate Kriegsberichterstatter gewesen, hatte gelegentlich Filmkritiken geschrieben und so die Bekanntschaft einiger Filmleute gemacht. Eigentlich sah er sich als Schriftsteller. Um seinen Namen für diese Laufbahn nicht mit der Tätigkeit in dem suspekten Filmgewerbe zu verderben, legte er sich für seine Filmarbeit das Pseudonym "Clair" zu. Den René Clair, der am vergangenen Sonntag 82jährig starb, hat das Kino nicht mehr losgelassen. 1923 inszenierte er, nach eigenem Drehbuch, seinen ersten Film "Paris Qui Dort". In den nächsten vier Jahrzehnten folgten nahezu dreißig weitere Werke, fast ausnahmslos selbst geschriebene, zumeist poetisch-melancholische Komödien. Stummfilm-Burlesken wie "Der Florentiner Hut" (1927), Vorstadt-Erzählungen ("Unter den Dächern von Paris", 1930), in denen das volkstümliche Chanson, der Bal Musette immer wiederkehrende Motive sind, haben Clair, der bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Hollywood emigrierte, in die Filmgeschichte eingehen lassen. 1960 wurde der Schöpfer von "Meine Frau die Hexe", "Es geschah morgen" und "Schweigen ist Gold" als erster Filmregisseur in die "Académie Française" aufgenommen. Am vergangenen Freitag noch sendete das Deutsche Fernsehen einen seiner schönsten Filme, "Die Schönen der Nacht". Da war noch einmal die Welt dieses eleganten Unterhaltungskünstlers zu bewundern, eine "Welt der tanzenden Liebenden, in der Gewalt, Gewöhnlichkeit und Heuchelei keinen Platz haben", wie Catherine de la Roche einmal geschrieben hat.