Anlagenbau: Mehr Aufträge, weniger Beschäftigung für deutsche Arbeiter

Von Heinz Günter Kemmer

Gut Ding will Weile haben. Diesen Spruch könnten sich die Thyssen-Manager eigentlich rahmen lassen. Als die ZEIT Ende 1979 erstmals eine Übersicht über die großen Auslandsaufträge der deutschen Industrie veröffentlichte, gehörte ein Raffinerieprojekt in Alaska im Auftragswert von 2,6 Milliarden Mark zu den aufwendigsten Anlagen, die deutsche Ingenieure für ausländische Besteller entwerfen sollten. Schon 1983 sollte die Raffinerie arbeiten. Die Federführung für das Großprojekt war der Thyssen Rheinstahl Technik (TRT) und dem amerikanischen Ingenieurunternehmen Foster Wheeler zugedacht. Aber unterschrieben ist der Vertrag immer noch nicht.

Die Auftraggeber haben es sich nämlich anders überlegt. Sie wollen zwar immer noch eine Raffinerie haben, aber die soll nun ganz anders aussehen. Und eilig haben sie es offenbar auch nicht mehr, denn es wird immer noch verhandelt. Erst Mitte dieses Jahres, so schätzt Helmut Gschwend, Vorstandsmitglied der Thyssen Handelsunion und zuständig für TRT, wird das neue Konzept stehen. Aber es ist immerhin sicher, daß der Auftrag im Prinzip bestehen bleibt und obendrein keinen geringeren Wert haben wird als ursprünglich vereinbart.

Nur noch Schadensersatz

Da ist Heinrich Weiß, der Vorstandsvorsitzende der Schloemann-Siemag AG in Düsseldorf, weniger gut dran. Sein Paradeauftrag des vergangenen Jahres, ein Kaltwalzwerk für den chinesischen Hüttenwerkskomplex Baoshan bei Shanghai, ist von den Chinesen storniert worden. Damit verschwinden 1,5 Milliarden Mark, bei nahezu zwanzig Firmen bereits als feste Aufträge gebucht, wieder aus den Büchern. In diesen Tagen wird eine chinesische Delegation erwartet, mit der über einen Schadensersatz für die deutschen Firmen verhandelt werden soll.

Ein anderes Projekt wird nie in einer Liste der Großaufträge erscheinen: Noch Mitte vergangenen Jahres war alle Welt fest davon überzeugt, Krupp werde von der DDR einen Auftrag zum Ausbau des Hüttenwerks Eisenhüttenstadt im Wert von mehr als 1,5 Milliarden Mark erhalten. Aber dann verschlechterten sich die innerdeutschen Beziehungen – die DDR disponierte um. Der Auftrag landete schließlich bei der österreichischen Staatsgesellschaft VÖEST.