Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Nach der Pleite", sinnierte der ehemalige Berliner Finanzsenator Klaus Riebschläger, "sind die Kompetenzen der Beteiligten immens zurückgegangen." Und Ulrich Rastemborski, der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, der die Garski-Pleite aufklären soll, klagt: "Dieser Untersuchungsausschuß sucht sehnlichst Leute, die sich hier hinstellen und sagen: Ja, ich habe mitentschieden.’" Er findet sie nur vereinzelt. Vor allen der beurlaubte Senatsdirektor in der Wirtschaftsverwaltung, Jörg Schlegel, der im Senat sicherlich der emsigste Befürworter der Garski-Projekte gewesen ist, bekennt sich zu seiner Verantwortung. Ebenfalls der zurückgetretene Wirtschaftssenator Wolfgang Lüder gibt zu, daß sein Haus an Garskis Aktivitäten im Nahen Osten wirtschaftspolitisch interessiert gewesen sei.

Erklärungen, Rechtfertigungen, Erläuterungen, Aktennotizen, auch Entschuldigungen gibt es viele. Was bislang fehlt, ist ein wirklich Schuldiger. Die Schlüsselfigur der Affäre, der Architekt Dietrich Garski, telephonierte zuletzt im Februar von einem unbekannten Ort mit einem ehemaligen Mitarbeiter. Dem erschien er "nervlich kaputt und dem Verfolgungswahn nahe". Garski selber habe gesagt, er sei fast so weit, daß er wieder zurückkommen würde. Er könnte es ohne weiteres. Denn ein Haftbefehl liegt nicht vor, und ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft hat bisher keinen Anhaltspunkt dafür ergeben, daß sich Garski Kredite und Bürgschaften durch Täuschungshandlungen erschlichen hätte. Die desolate Lage der Firma Garski konnte in der Tat niemandem, der es wirklich wissen wollte, verborgen bleiben.

Der Untersuchungsausschuß, der seit knapp vier Wochen im Saal 195 des Schöneberger Rathauses fleißig und geduldig Politiker, Bankiers, Beamte, Baufachleute und Manager anhört und dessen Vernehmungen in dieser Woche abgeschlossen sind, wird es schwer haben, in seinem Bericht für das Abgeordnetenhaus unzweideutige Aussagen zu machen. Der Widersprüche sind zu viele. Vergeßlichkeit, Verklärung und Schutzbehauptungen lassen bislang die Frage offen, ob sich die kreditgebende Berliner Bank vom Senat in ein ungewolltes Geschäft gedrängt fühlte oder ob sich die Senatsverwaltungen zu Unrecht auf die Sorgfaltspflicht der Bank verließen.

Vermutlich trifft beides zu. Garski, der Charmeur mit der Aura des Erfolges, galt als seriös und arbeitsam. "Man glaubt das heute kaum", sagt Jakob Kehren, Vorstandsmitglied der Berliner Bank. Damals haben es alle geglaubt, fast alle. Über kleine Schönheitsfehler wurde hinweggesehen, die Sinne waren nicht geschärft. Die Bank unterschied feinsinnig zwischen Seriosität und Bonität: Die Seriosität wurde vorausgesetzt, und für die fehlende Bonität, die unzureichende Kreditwürdigkeit, gab es ja Senatsbürgschaften.

Die vordergründig so aufregenden Fragen, die bei der Aufdeckung des Garski-Skandals hochkamen, hat der Untersuchungsausschuß weitgehend geklärt: Welches Interesse konnte der Senat an Geschäften im Nahen Osten, fernab von Berlin, haben? Warum wurde, als der Zusammenbruch nahte, gutes Geld noch schlechtem hinterhergeworfen?