Etiketten statt Argumente: Die geistige Auseinandersetzung ist erstarrt

Von Ralf Dahrendorf

Nichts fällt dem Auslandsdeutschen, der nur gelegentlich noch den Fuß auf Heimatboden setzt, unmittelbarer auf als die (Partei-)Politisierung des Landes. In vielen Bereichen des Lebens ist es, als müßten auch gestandene Leute ständig einen Knopf auf dem Revers tragen, der ihre Zugehörigkeit bekundet. Ist der Knopf rosa, dann reden die Roten ebensowenig mit einem wie die Blauen; ist er blau, dann weder die Roten noch die Rosanen; zudem gibt es hellblau und natürlich blau-gelb, kurz, viele, allzu viele siedeln sich in Einmachgläsern an, deren Etikett sie an Stelle ihrer Identität ständig mit sich herumtragen.

Daher weiß man, wenn zu einem Kongreß unter dem Titel "Aufklärung heute – Bedingungen unserer Freiheit" eingeladen wird, daß die einen, sagen wir die Gelben, am Zuge sind, und die anderen, sagen wir die Weißen, ausgeschaltet werden. Der erste Satz der Einladung zu diesem Kongreß klingt zwar ganz harmlos: "Freiheitliche Kultur und liberale politische Demokratie sind mit unaufgebbaren Traditionen europäischer Aufklärung verbunden." Aber vertraute und liebe Vokabeln sind inzwischen zu Codewörtern geworden. Das beginnt schon mit dem guten Wort "freiheitlich". Auch "liberale Demokratie" gehört mittlerweile zu den "gelben" Codewörtern. Und wer gar von "unaufgebbaren Traditionen" spricht, hat sich endgültig verraten. Alles dies signalisiert, daß man sich unter Freunden findet, die, wie es von einem selbst vermutet wird, entsetzt sind über den Gang der Dinge, die Hochschulen zumal, die Rundfunkanstalten natürlich, aber auch die Ostpolitik und die Staatsverschuldung und anderes mehr.

Nicht daß die anderen es anders hielten. Hermann Lübbe, sonst ein subtiler und unabhängiger Mann, kann es nicht lassen, unter Bezug auf den Band Nr. 1000, den Jürgen Habermas in der Sammlung Suhrkamp vor einem Jahr herausgegeben hat, zu sagen: "Sogar ‚Stichworte zur Geistigen Situation der Zeit‘ werden heute nicht von Repräsentanten beider Fronten, sondern exklusiv gesinnungsfrontlinienkonform eingesammelt." Zwei Fronten, Frontlinienkonformität – die Rede ist von Intellektuellen, also, so sollte man meinen, den letzten Unabhängigen im Gehäuse der Hörigkeit moderner Konsensusgesellschaften! Indes läßt sich nicht leugnen, daß es die Weißen halten wie die Gelben: sie bleiben am liebsten unter sich; sie haben ihr eigenes radikaldemokratisches Vokabular, ihre Codewörter; und sie definieren sich vorzugsweise durch den Haß auf die anderen.

Indes, um ein paar Vokabeln wird noch gestritten, und "Aufklärung" gehört offenbar zu diesen. Man sollte meinen, daß gerade sie sinnvoller Gegenstand der Diskussion sein könnten. Oder geht es am Ende gar nicht mehr um Diskussion, sondern um intellektuelle Territorialfragen? Nach den Vorträgen zu schließen, die auf dem erwähnten Kongreß gehalten wurden, ist das in der Tat der Fall. Die meisten von ihnen sind in einem schmalen Band veröffentlicht:

Michael Zöller (Hrsg.): "Aufklärung heute. Bedingungen unserer Freiheit." Mit Beiträgen von Herrmann Lübbe, Friedrich H. Tenbruck, Thomas Nipperdey, Karl Forster, Erich E. Geissler, Gerard Radnitzky, Robert Spaemann; Edition Interfrom/Verlag A. Fromm, Zürich/Osnabrück 1980,127 S., DM 9,–.