"Der Kaffee ist das Sinnbild der Liebe. Man liebt ihn brünett, blond und schwarz, aber durchgängig – heiß." Fliegende Blätter

Heutzutage ist Kaffee seiner Rolle als Genußmittel entwachsen. Er ist sozusagen ein Grundnahrungsmittel geworden. Und dem hat der deutsche Bundesbürger auch reichlich zugesprochen. 1976 waren es schon pro Kopf umgerechnet etwa 162 Liter. Fast fünf Milliarden Mark kostete dieses Kaffeevergnügen.

Das "anregende Prinzip" des Kaffees ist das Koffein. Eine Tasse Kaffee enthält davon etwa 120 Milligramm. Es wirkt auf die Sinnesorgane und auf das Zentralnervensystem (siehe Kasten). Befragt man Kaffeetrinker, warum sie Kaffee trinken, dann sagen sie oft, die Stimmung bessere sich, das Leistungsvermögen sei erhöht, Kaffee übe eben einen beschwingenden Effekt aus. Viele brauchen anscheinend die Tasse Kaffee am Morgen auch, um erst einmal "da" zu sein. Tatsächlich tritt ja die stimulierende Wirkung auch etwa 30 bis 120 Minuten später ein. Ist dieser Wachmacher aber wirklich so problemlos?

Bei der Verträglichkeit koffeinhaltigen Kaffees bestehen große individuelle Unterschiede. Während manche Zeitgenossen den braunen Absud anscheinend in sich hineinschütten können, ohne irgendwelche unangenehmen Effekte zu verspüren, führen schon 50 Milligramm Koffein (etwa eine halbe Tasse Kaffee) bei anderen zu Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Pochen im Ohr und gesteigerter Erregbarkeit. Es ist ziemlich schwierig, verläßliche Zahlen über eingenommene Koffeinmengen zu erhalten, denn Kaffee ist ja nun nicht die einzige Koffeinquelle. Kakao, Schokolade, eine Reihe von Colagetränken, Tee und zahlreiche frei verkäufliche Medikamente enthalten Koffein. Einer konservativen Schätzung nach nehmen zum Beispiel 20 bis 30 Prozent der erwachsenen Amerikaner täglich zwischen 500 und 600 Milligramm Koffein zu sich. Pharmakologen betrachten aber schon eine tägliche Koffeindosis von mehr als 250 Milligramm als "groß".

Das Problem, ob übermäßige Koffeineinnahme auch zu einem definierten klinischen Syndrom – dem sogenannten Koffeinismus – führen kann, ist alt und immer noch nicht eindeutig gelöst. Daran sind die individuellen Verträglichkeitsunterschiede genauso schuld wie die Tatsache, daß sich nach langem, übermäßigem Kaffeekonsum eine gewisse Toleranz entwickeln kann. Es bleibt also weitgehend dem Urteil des untersuchenden Mediziners überlassen, was er als Gebrauch und was als Mißbrauch definiert.

Koffeinismus-Symptome wurden schon 1925 von dem französischen Arzt Rénon beschrieben. Danach kann der chronische Mißbrauch großer Koffeinmengen zu Kopfschmerzen, Angstzuständen, Nervosität, Reizbarkeit, Depressionen, zittrigen Fingern, Herzjagen und Herzrhythmusstörungen, Sodbrennen, Atemnotzuständen und Schlafstörungen führen. Selten jedoch treten alle Symptome gleichzeitig auf. Wenn aber tatsächlich ein Patient mit mehreren solcher Beschwerden zum Arzt kommt, findet dieser es manchmal unmöglich, zwischen Koffeinismus-Symptomen und einer sogenannten Angstneurose oder "Situationsangst" zu differenzieren.

Ein besonderes Problem bilden auch die Kopfschmerzen, die in der Regel 18 bis 24 Stunden nach dem letzten Kaffeegenuß auftreten. Dieser zeitliche Abstand ist groß genug, um gar nicht erst eine erkennbare Verbindung zwischen dem Kaffee und den Kopfschmerzen aufkommen zu lassen. Der amerikanische Psychiatrieprofessor J. F. Greden glaubt sogar, die sich oft wiederholenden sogenannten Spannungskopfschmerzen mancher seiner kaffeetrinkenden Patienten einfach auf Koffein-Entzugserscheinungen zurückführen zu können.