Gesundheit aus sieben Dorf brunnen

Von Wolfgang Boller

Das Dorf ist ein paar hundert Meter länger als hoch oder, wenn man will, breiter als tief. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern eine Formel für seine geographische Attraktivität. Viele Engadiner Dörfer messen ihre Territorien vom Ufer des Inn bis zum Gipfelkreuz des Hausbergs, sprich: von der Talstation der Seilbahn zum Endpunkt des letzten Skilifts. Und die Beförderungskapazität hinwiederum ist eine Formel für Ferienglück – im Winter wie im Sommer.

Das Engadin im schweizerischen Kanton Graubünden ist reich an solchen Formeln, und es sind zumeist Komparative: mehr Bergbahnen, Lifte, Pisten, Loipen, mehr Fremdenbetten als Einheimische und, in St. Moritz, mehr Fünf-Sterne-Hotels und mehr Schickeria als in Zürich. Damit können und mögen die Dörfer im Unterengadin nicht wetteifern, auch nicht der Hauptort Scuol (so, expressis verbis, seit 1969 und nicht mehr Schuls). Kurdirektor Jean-Louis Popoff sagt’s nachdrücklich und lehrt dabei auch gleich, wie man Scuol ausspricht. Popoff: "Schkuol hat nicht den Ehrgeiz, ein zweites St. Moritz zu werden." Es wäre auch schade drum: um die Originalität und Intimität der rätoromanischen Gemeinde mit ihren Dorfplätzen, Brunnen, Bauernhäusern und Veltliner Stuben, in denen auch schon mal Einheimische am Tisch sitzen.

Dieses Scuol also ist ein Unterengadiner Dorf, rund zwei Kilometer lang und, vom Inn bis zur Gipfelhöhe des Piz Champatsch gerechnet, exakt 1709 Meter hoch. Die Tallage verheißt behagliche Spazierwege und Langlaufloipen, die Höhendifferenz Bergwanderungen und Skiabfahrten. Scuol ist ein Feriendorf mit zwei Saisons und einer umschichtigen Klientel, und Heilbad ist es obendrein. Es gibt über 20 Hotels und Herbergen, darunter demnächst auch wieder das traditionsreiche "Parkhotel" mit fünf Sternen und 210 Betten (Popoff: "Im Stil des alten Grand Hotel – ein großer Gewinn für Schkuol"). Es gibt neuerdings auch ein Urlaubs-Appartementhaus ("Ferienpark Tulai", 422 Betten) mit Terrassenblick auf Bergwälder und Schneegipfel. Es gibt bei fast jedem Hotel ein Restaurant mit sprachgewandten Kellnern, die italienischen Filmschauspielern verblüffend ähnlich sehen. Das alles gibt’s und schmeckt sehr nach Internationalität und Professionalität, und beides trifft sicher auch zu, aber ein bißchen riecht das Dorf auch nach Heu und Stall, nach kuhwarmer Milch und frischgebackenem Brot.

Genau besehen besteht Scuol ja aus zwei oder, wenn man will, aus drei Dörfern, einem Oberdorf nämlich, einem Unterdorf und dazwischen einer Hauptstraße. Die Einheimischen sprechen von Scuol Sura und Scuol Sott. Die Hauptstraße nennen sie Stradun. Die Gemeinde ist polyglott. Man antwortet deutsch, italienisch, -französisch und englisch. Deutsch wird in der gehobenen, leicht verständlichen Variante des Schweizerischen gesprochen, dessen sich Deutsch-Schweizer in der Unterhaltung mit Schwaben befleißigen sowie Kabarettisten, wenn sie auf Kosten ihrer Landsleute Heiterkeit verbreiten wollen. Im Unterengadin wird es von der vierten Schulklasse an als erste Fremdsprache gelehrt. Untereinander reden die Leute Ladinisch, eine im Oberengadin weitgehend vergessene Mundart.

Mit dem Gruß Allegra wünschen die Rätoromanen einander Freude, beim Gläserklingen mit Viva Leben. Freue Dich und Du sollst leben! Das klingt wie inszenierte Folklore des Trachtenvereins im Dienste der Fremdenverkehrswerbung. Es sind aber Worte des Alltags. Im Kellerstübchen "La Tschuetta" (die Eule) steht aus historischer Vergangenheit in der Sprache des Volkes an die Wand geschrieben, wie man hierzulande von alters her zu feiern weiß: "Kommt, Freunde, stoßen wir an! Laßt uns den Teufel von der Welt vertreiben..."