Von Gunhild Freese

Sechsundfünfzig Seiten stark, nicht eine Anzeige, wöchentliche Erscheinungsweise, Tiefdruck, das sind die für Amerika höchst ungewöhnlichen Merkmale einer neuen Zeitschrift, die den US-Markt erobern soll. Titel: Woman’s World (Die Welt der Frau). Doch damit nicht genug der Merkwürdigkeiten Woman’s World ist ein Produkt des Hamburger Bauer-Verlages. Und gedruckt wird das Bauer-Objekt seit Mitte Januar bei Brown Printing, der Tochtergesellschaft eines weiteren deutschen Großverlages, der Hamburger Gruner + Jahr AG.

Für die beiden deutschen Verlagsgiganten ist ein Erfolg des Damen-Blattes von beträchtlicher Bedeutung. Verheißt doch ein Durchbruch am riesigen US-Markt das kräftige Wachstum, das am hart umkämpften heimischen Markt immer schwerer zu erreichen ist. Massen- wie auch Spezialzeitschriften haben den deutschen Markt abgedeckt, neue Objekte sind nur noch mit beträchtlichem finanziellen und personellen Aufwand zu etablieren. Und Zukäufen steht bei Verlagen längst das Bundeskartellamt im Wege; hier geht nichts mehr.

Doch während Gruner + Jahr (Objekte: stern, Brigitte, Nicole, Schöner Wohnen, Capital, Eltern, Essen & Trinken, P.M., Geo, Art, Impulse) längst den verlegerischen Schritt ins Ausland mit Eltern und Geo vollzogen hat, hatte Bauer andere Investitionsmöglichkeiten gesucht: Maschinenfabriken in Unna, Ettlingen und St. Ingbert, eine Brillenfabrik in der Schweiz sowie eine Einzelhandelskette im texanischen San Antonio.

Schließlich packte auch das Management des Bauer-Verlags – mit den Objekten Quick, Neue Revue, Tina, Bella, TV Hören und Sehen, Fernsehwoche, Neue Post, Wochenend, Praline, Auto Zeitung, selbst ist der Mann, Bravo und neue mode größter Zeitschriftenverlag des alten Kontinents – die "unternehmerische Neugierde, ob eine Erfolgsidee aus Deutschland auch drüben ankommt", wie Bauer-Manager Peter Heidenreich erklärt. Getreu dem Bauer-eigenen Konzept, mit dem die beiden Frauenzeitschriften Tina (Auflage über 1,6 Millionen) und Bella (650 000 Exemplare) zu beträchtlichem Erfolg geführt wurden, wurde auch Woman’s World in den USA ins Rennen geschickt. Heidenreich: "Das Blatt muß erst vertrieblich stehen, bevor wir Anzeigen reinnehmen." Erst soll eine bestimmte verkaufte Auflage tatsächlich erreicht werden, bevor der Anzeigenkundschaft die Garantie gegeben werden kann.

Damit kann sich das US-Journal denn auch deutlich von der Konkurrenz der Frauenblätter unterscheiden. Im Vergleich zu den gewöhnlich über 200 Seiten starken Zeitschriften Woman’s Day, Family Circle, Better Homes and Gardens und Mademoiselle erscheint Bauers Blatt mit seinen 56 Seiten reichlich dürftig. Doch die dicken Konkurrenten quellen nur so über von Anzeigen. "Die Redaktion", kritisiert Verlagsleiter Joachim Degenhard, "ist nur noch Füllsel. Die Werbung geht auf Kosten der Lesbarkeit." Eine werbefreie Zeitschrift im Mutterland der Werbung einzuführen, das setzt einiges Selbstbewußtsein voraus. Degenhard: "Wir wurden für geistesschwach erklärt." Freilich, Kostverächter sind auch die Bauers nicht. Nur hat sich bei den Hamburger Blattmachern eine Hausphilosophie ergeben, wonach in erster Linie der Verkaufspreis Geld in die Kassen bringen soll; nur zu einem Drittel tragen Anzeigen zum Umsatzerlös bei.

Woman’s World ist denn-mit 75 Cents je Heft auch deutlich teurer als die direkte Konkurrenz, die schon für 59 Cents zu haben ist. Der Inhalt soll den kleinen Unterschied wettmachen. Heidenreich schildert sein Kontrastprogramm so: "Unser Rezept ist die Kürze. Wir richten uns an die berufstätige Frau, die Beruf, Haushalt und Kinder zu versorgen hat. Das kurze, geraffte Angebot reizt da. Nichts geht über zwei Seiten. Die Leserin muß den Eindruck haben, es ist zu schaffen." Das Angebot reicht zwar – wie auch bei der etablierten Konkurrenz – von Rezepten, Wohn- und Handarbeitsvorschlägen über Gesundheits-, Kosmetik-, Haushalts- und Lebenstips bis zur Kurzgeschichte. Der Schwerpunkt aber soll deutlicher als bei den vorhandenen Blättern bei der Mode liegen.