Es liegt weder am Senat noch an den Behörden und auch nicht an profitgierigen Spekulanten, daß die Wohnverhältnisse in Berlin schlechter sind als in jeder anderen deutschen Großstadt. Der eigentlich Schuldigen wird niemand mehr habhaft, es sei denn, er entdeckt noch jemanden, der an der preußischen Bauordnung oder an den preußischen Steuergesetzen mitgearbeitet hat.

Die Steuergesetze ließen die Hauseigentümer nach Maßgabe der Straßenbreite des Grundstücks zur Ader. Die Hauseigentümer bauten daraufhin schmale, aber sehr tief gestaffelte Mietskasernen mit drei, vier oder fünf Hinterhöfen für die Arbeiter aus Schlesien, Pommern oder Mecklenburg, die zur Industrialisierung in die Stadt geholt wurden. Und die Preußische Bauordnung verhinderte diese steuersparende Bauweise nicht, weil es ihr genügte, wenn in den Hinterhöfen eine Feuerspritze wenden konnte. Resultat des frühen Bau-Booms: Heute gelten 300 000 Wohnungen in Berlin als sanierungsbedürftig.

Nur, nicht alle, wahrscheinlich nicht einmal der größte Teil der heute unbewohnten 7000 Wohnungen in Berlin liegen tatsächlich in diesen unbewohnbaren Mietskasernen. Es gibt besseres, als den heute leerstehenden Häusern mit Spitzhacke, Preßlufthammer und Abrißbirne zu Leibe zu rücken. Und es gibt sinnvollere Methoden, als aus respektablen, wenngleich unkomfortablen Altbauten mit verschwenderisch anmutendem Geldeinsatz Luxushäuser zu machen und die alteingesessenen Mieter wegzusanieren.

An beiden Methoden, an der gedankenlosen Kahlschlagsanierung, die ganze Quartiere zu Schutt machte, und an der spekulativ überzogenen Luxussanierung, entzündete sich der Unmut der Berliner Wohnungssuchenden.

In keiner anderen deutschen Stadt, wahrscheinlich auch in keiner anderen europäischen Großstadt, stehen soviele Wohnungen leer wie in Berlin. "Das ist eine Provokation vor allem für die Leute, deren Wohnungen schlechter sind als die unbewohnten", meint Berlins Bausenator Peter Ulrich. Und Ulrich, der zu den beiden SPD-Senatoren gehört, die bei der Regierungsumbildung durch Hans-Jochen Vogel nicht ihren Senatsrang verloren haben, gibt auch unumwunden zu, daß die Behörden große Fehler gemacht haben.

Vor allem die vom Ulrich-Vorgänger Harry Ristock verordnete Umstellung der Sanierungspraxis von der Kahlschlagsanierung auf behutsameres, den alten Häuserbestand schonendes Sanieren, stellte die Verwaltung vor große Probleme.

Mit der Sanierung beauftragt die Baubehörde sogenannte Sanierungsträger, private oder gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften. Bevor die ihr Sanierungswerk beginnen, müssen alle Mieter in anderen Häusern untergebracht werden. Diese "Freimachungspläne" werden mit den Behörden abgestimmt, die auch darauf achten sollen, daß die Baugesellschaften nicht zu rüden Methoden gegen die Mieter greifen. Aber diese "sanfte Entmietung" (Ulrich: "Das ist aus dem Wörterbuch des Unmenschen") kostet Zeit. Die Neue Heimat betreut in Berlin mit zwei Sozialarbeitern die Mieter von Sanierungsprojekten. Aber: "Unter sechs Monaten kann man ein Haus nicht leer bekommen", meint Wolfgang Vormbrook, Vorstandsmitglied der Neuen Heimat. Ein Mieter, der keine Ersatzwohnung findet oder eine ihm vom Sanierungsträger angebotene Wohnung nicht akzeptiert, kann den Beginn der Sanierungsarbeiten um Monate hinauszögern. Die anderen Wohnungen stehen derweil leer.