Von Elizabeth Pond

Präsident Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski scheint Amerika ein überdauerndes Vermächtnis hinterlassen zu haben: ein untergründiges Mißtrauen gegenüber dem Bündnispartner Bundesrepublik.

An der Tafel des Bonner Botschafters in Washington gab der Präsidentenberater vor drei Jahren zum erstenmal seiner Sorge über eine mögliche "Selbstfinnlandisierung" Westdeutschlands Ausdruck. Amerikanische Kolumnisten, Leitartikler und Kommentatoren haben seitdem immer wieder ins selbe Horn gestoßen. Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan, als die Westdeutschen und andere Europäer zögerten, sich allen Vergeltungsmaßnahmen anzuschließen, die Washington damals vorschlug, wuchs sich Brzezinskis Soupçon bei manchen amerikanischen Fachleuten und Politikern geradezu zur Standard-Weisheit aus.

So spekulierte beispielsweise Business Week im Mai vorigen Jahres, Bonn lege es womöglich darauf an, seine alte Rolle als mitteleuropäische Macht wieder aufzunehmen, die zwischen Ost und West hin und her schwanke. Helmut Schmidt, so argwöhnte die Zeitschrift, könne sich auf den sozialdemokratischen Traum der fünfziger Jahre zurückbesinnen: ein neutrales Deutschland. Angesichts der jüngsten Kürzungen am Bonner Verteidigungsetat sind ähnliche Spekulationen abermals ins Kraut geschossen;

Das Argument lautet in seiner einfachsten Fassung: Wenn man nicht dauernd auf die Bundesrepublik aufpasse, werde sie unter Umständen ihre Seele für ein sowjetisches Linsengericht verkaufen. Schließlich habe Amerika seine strategische Überlegenheit verloren und müsse den Westdeutschen daher als Verteidigungspartner weniger verläßlich erscheinen denn zuvor. Die Sowjetunion hingegen habe zusätzlich zu ihrer konventionellen Überlegenheit auch noch die Überlegenheit im Bereich der taktisch-nuklearen und eurostrategischen Waffen erlangt; so könne sie die westeuropäischen Regierungen straflos einschüchtern. Jeder europäische Krieg würde auf deutschem Boden ausgefochten, wahrscheinlich mit Kernwaffen, so daß von Deutschland wenig übrig bliebe; daher gelte: "Lieber rot als tot."

Darüber hinaus sagen die Verfechter der Selbstfinnlandisierungs-These, die Russen könnten zum ersten jederzeit Berlin bedrohen, zum zweiten die nach der Wiederherstellung des einen und einigen Bismarckreiches hechelnden Westdeutschen stets mit der Wiedervereinigung auf Abwege locken. Weiter heißt es in diesem Text: Die wohlhabenden und selbstgefälligen Deutschen haben sich in einem Jahrzehnt Entspannung aufweichen lassen; sie haben unbändige Angst davor, daß die menschlichen Kontakte zwischen der Bundesrepublik und der DDR abgebrochen oder der Landzugang nach Westberlin unterbunden werden könnte; und sie sind mittlerweile so auf ihren Osthandel angewiesen und dermaßen ängstlich gegenüber der Sowjetunion, daß sie nur noch auf Beschwichtigung Moskaus sinnen.

Manchmal werden diese Befürchtungen in aller Kraßheit formuliert, manchmal schwingen sie nur unterschwellig mit. Immer ignorieren sie jedoch eine Reihe von Grundtatsachen: