Nach dem 2:2 zwischen dem HSV und FC Bayern ist die Meisterschaft offen

Von Gerhard Seehase

Jetzt sinkt er vor Scham in den Boden, denkt unsereiner; jetzt wird er für den Rest des Spiels von der Rolle sein. Denn der Fehler, den Bayern-Primus Paul Breitner da in der 54. Minute machte, hätte sogar in einer Schülermannschaft zu den heftigsten Vorwürfen gegenüber dem Sündenbock geführt. Da spielt der Münchner Mannschaftskapitän den Ball also so ungeschickt zu seinem Torwart zurück, daß das Leder dem verdutzten HSV-Mittelstürmer Hrubesch direkt vor die Füße fällt: Tor für die Hamburger zum 2:0.

Aber der Breitner Paul kommt gar nicht von der Rolle; im Gegenteil, er wird von Minute zu Minute besser, reißt seine Kollegen mit, serviert Rummenigge den Ball zum Anschlußtreffer (2:1 in der 68. Minute) und haut dem HSV in der 89. Minute den Ball noch höchstpersönlich zum 2:2 ins muß

Man muß sich vor allem mit Paul Breitner befassen, um den spielerischen Unterschied zwischen den beiden ersten Mannschaften des deutschen Fußballs, dem FC Bayern München und dem Hamburger SV, zu erklären. Um es vorweg zu nehmen, der HSV hat mit seinem Drei-Punkte-Vorsprung die größeren Chancen, deutscher Meister zu werden. Aber den Münchnern ist es nicht zuletzt wegen eines Paul Breitners zuzutrauen, daß sie aller Logik zum Trotz als zweite in die Drehtür hineingehen und als erste wieder herauskommen.

Ordnung und Freiraum

Selbst in den letzten Reihen eines Stadions pflegt man im allgemeinen vorherzusehen was kommt, wenn ein Spieler ein "halbes Eigentor" fabriziert. Die Mitspieler schimpfen, die "eigenen" Zuschauer pfeifen, und am Spielfeldrand bietet der Trainer ein Bild des Jammerns: Ein winziger Fehler noch, und der Spieler ist draußen.