/ Von Ilsemarie Hoth-Pfeiffer

Frau G. ist zufrieden mit ihrem Jungen: Mit Busen, schmaler Taille, gerundeten Hüften und einem herben Schneewittchengesicht macht er seinem bei der Geburt eingetragenen Mädchennamen Julia alle Ehre. Julia, jetzt 16, wurde von Anfang an als Tochter aufgezogen, obwohl sie der chromosomalen Bestimmung nach einwandfrei ein XY-Karyotyp, also ein Mann ist. Eine Frau dagegen ist Oliver S., 19 Jahre. Beide gehören zu der Gruppe von Menschen, bei deren Entstehung sich die Natur nicht ganz schlüssig wurde in der Geschlechtszuteilung.

Diese intersexuelle Gruppe ist so klein nicht. Die Heidelberger Endokrinologin Dr. Sigrun Korth-Schütz, die unlängst vor den Hamburger Gynäkologen ein Referat zum Thema "Störungen der Geschlechtsdifferenzierung" hielt, vermutet, daß auf etwa 5000 Geburten ein solcher Mischtyp fällt. Es gibt viele Varianten, die nicht oder nicht rechtzeitig erkannt oder aber falsch gedeutet werden. Im Sport machen immer wieder Mädchen von sich reden, die eigentlich Männer sind, und zu den Urologen kommen Männer, die sich letzten Endes als Frauen erweisen. Nicht auszuschließen ist außerdem, daß Gifte wie Nikotin, Alkohol, Drogen sowie bestimmte Hormongaben in der entscheidenden Phase zwischen der 6. und 12. Schwangerschaftswoche die Geschlechtsregulierung beeinflussen können.

-Früher hatten diese Menschen kaum Chancen, ihre unklare Veranlagung eindeutig zu gestalten. Erst, in den letzten Jahren machte ein ganzes Bündel von Fortschritten auf genetischem, biochemischem, endokrinologischem und chirurgischem Gebiet akzeptable Korrekturen möglich. Im Gegensatz zu früher kann jetzt auch die chromosomale Bestimmung in Zweifelsfällen kurz nach der Geburt leicht und sicher durch einen einfachen Schleimhautabstrich in der Wange erfolgen. Das erleichtert die rechtzeitige Beratung der Eltern.

"Rechtzeitig – darauf kommt es an", sagt dazu Professor Dr. Hans Helge, geschäftsführender ärztlicher Direktor der Universitätskinderklinik Berlin. "Wirkliche Erfolge können nur in der frühesten Kindheit eingeleitet werden. Die Geschlechtszuordnung des Menschen muß in den ersten vier Lebensjahren eindeutig festgelegt sein und angenommen werden von ihm und seiner Umwelt. Dann kann er sich für immer damit identifizieren. Auf dieser Basis wird er dann auch spätere geschlechtsspezifische Probleme besser verkraften. Ist er erst einmal fünf, sechs Jahre alt und spürt immer noch die Unsicherheit seiner an ihm zweifelnden Eltern, dann sind auch psychisch die Weichen ins Abseits gestellt. Das richtige Elternverhalten ist wichtiger als eine Operation!" Natürlich ist die Geschlechtsregulierung eine schwierige Prozedur, und die Frage stellt sich, ob es wirklich einen Sinn hat, einen Menschen mit Hormonen und Skalpell auf die Normvorstellungen seiner Umwelt zu trimmen, oder ob man ihn nicht besser seinem angeborenen Karma überläßt in der Hoffnung, daß unsere Gesellschaft genügend Nischen auch für Sonderfälle entwickelt.

Oliver S., erst seit kurzem ambulanter Patient der Berliner Schloßpark-Klinik, bezweifelt, daß die Allgemeinheit tolerant genug sei. Er lebt noch im Hause seiner Eltern in Berlin-Lichterfelde und trägt einen weiten Overall, als ich ihn und seine Mutter besuche. Ein zierlicher, wendiger Bursche mit blondem Bürstenschnitt.

Als er geboren wurde, gab es noch nicht "diese neumodischen Erkenntnisse", wie seine Mutter es nennt. Da er männliche, wenn auch nicht sehr ausgeprägte Genitalien hatte, übersahen sie und die Hebamme die sehr kleine Vagina ihres einzigen Kindes. "Außerdem denkt man doch, das verwächst sich schon!" Ein typischer Irrtum, der häufig ist bei diesen Fällen. Erst als der Junge in der Schule gehänselt wurde, weil er nicht wiedie anderen korrekt "zielen" konnte, ging die Mutter mit dem Zehnjährigen verschämt zum Urologen. Quälende Operationen blieben ergebnislos, mußten es bleiben. Denn als in der Pubertät dem Knaben zusätzlich ein Busen wuchs, wurde endlich eine chromosomale Bestimmung gemacht und darin der weibliche XX-Karyotyp erkannt.