Es ist wie im Zoo: Im Käfig hocken allerdings wir. Unser Kastenwagen steht vor den Gattern des Nationalparks Amboseli. Rechts und links haben die Massai Hütten aufgereiht wie Stände auf südeuropäischen Märkten: Souvenirs, Souvenirs. Kinderäugige Frauen drücken ihre Nasen an den Fensterscheiben unseres Kleinbusses platt. Ihr "good price, buy" klingt lethargisch und doch drängend. Der bunte Glasperlenschmuck, den sie gegen die Scheiben halten, ist Pendant zu ihren eigenen steifen Tellerkragen, die wie Rahmen um ihre nobel geformten, kahlgeschorenen Schädel liegen.

Fliegen kriechen unbehelligt in ihren Gesichtern herum. Ein Kenia-Kenner warnt vor überspringendem Geziefer. Wir steigen dennoch aus dem Bus, sofort kommen auch die Massai-Männer. Nicht jene stolzen Krieger, die irgendwo abseits der Autostraße auftauchen, unbeweglich wie Termitenhügel, auf einem Bein stehend, das andere in Kniehöhe angewinkelt, sinnend auf den unabdingbaren Speer gestützt. Hier sind es die Händler des geschäftstüchtigen Nomadenvolkes: "Change, change." Kein Gegenstand, den sie nicht tauschen wollten, wenn der Tourist kein Bargeld zückt. An allem und jedem zupfen sie herum. Einer kniet nieder und konstatiert mit verblüffender Sachkenntnis: "Italian boots." Ein anderer der exotisch gekleideten Männer hat derweil die Uhr des Busnachbarn als Schweizer Markenfabrikat identifiziert und will sie gegen Schilde eintauschen. Photographieren? Aber bitte, gern. Nur der Preis ist üppig, dafür erhält man eine Mahlzeit im Luxushotel.

Hinter den Toren mit den Nashorn-Silhouetten beginnt die freie Wildbahn. Kilometerlange Wellblechpisten rütteln unser Rückgrat. Der puderfeine, rötliche Staub dringt durch alle Ritzen und verklemmt die Kameraverschlüsse. Eine erste Elefantenherde bringt den stabilen Wagen in gefährliche Seitenlage, weil wir uns auf die linke Wagenseite drängeln, die Kameras den Tieren zugewandt. Drei Tage später muß so eine Gruppe Dickhäuter schon unmittelbar vor dem Fahrzeug auftauchen, um uns noch in Bewegung zu setzen.

Obgleich die Vielzahl der Busse im Reservat mit ihren meilenlangen Staubschleppen eher an Autoscooter im Zoo als an Pirschfahrten erinnern, obgleich Prospektversprechungen von "unübersehbaren Herden von Gnus, Zebras, Antilopen und Gazellen" unübersehbar übertrieben sind – Safaris sind faszinierend. Aber sie sind auch Glückssache. Nicht nur wegen der Mitfahrer und ihrer Verträglichkeit, auch der Fahrer wegen. Freundlich gestimmte Profis suchen für ihre Passagiere unermüdlich die Tiere, die sie sehen wollen, fahren so heran, daß Film- und Photofans ganz auf ihre Kosten kommen. Die Jagd auf die "Big Five" gehört dazu: Nashorn, Löwe, Elefant, Wasserbüffel und Leopard. Die ersten vier sind vergleichsweise leichte Beute. Uns hat – wie den meisten Safari-Fahrern – der Leopard durch Nichterscheinen die Fünfer-Sammlung vermasselt. Dafür sehen wir Gazellen, Zebras und Antilopen en masse, paradiesfarben schillernde Vögel, stramme Wasserböcke und immer wieder Giraffen, die schönäugig durch die Schirmakazienlandschaft schaukeln – alles vor der photogenen Kulisse des schneebedeckten, meist wolkenverhangenen Kilimandscharo-Gipfels.

Fünf Stunden sind wir mit dem Bus vom Badestrand bei Mombasa bis zum Amboseli-Park gefahren, 40 Minuten dauert der Flug in den vier- bis zwölfsitzigen Piper- oder Cessna-Maschinen. Lohnt sich die Busreise? Kenia ist mittlerweile ein verhältnismäßig industrialisiertes Land, mit unübersehbarer Armut am Rande der Städte, mit weiten landwirtschaftlich genutzten Flächen und viel Ödland. Die Busfahrt zeigt dieses Kenia; wer ein Bilderbuch-Afrika zu durchqueren hofft, wird enttäuscht werden. Es ist ein Stück Entwicklungsland, das sich beiderseits der Straße bietet, nicht sonderlich attraktiv, aber ehrlich. Das Super-8-Afrika beginnt in Kenia erst hinter den Parktoren.

So ist es eine Geschmackssache, ob man per Bus oder per Flugzeug zur Safari anreist – und vor allem eine Preisfrage. Flugsafaris kosten im Gegensatz zu den Bussafaris, die durchweg preiswerter geworden sind als im vergangenen Winterhalbjahr, bestenfalls denselben Preis, meist aber erheblich mehr.

Das Programm in den Reservaten unterscheidet sich nicht, alle Hotels, untertreibend Lodges genannt, haben Spitzenstandard. Die meisten bieten Safari-Stimmung eigener Art: Beim "sundowner drink" im Sessel lassen sich Elefanten, Zebras, Gazellen, sogar Löwen an den nur steinwurfweit entfernten Tränken und Salzleckplätzen beobachten. Nachts ist die Szene beleuchtet, was die Tiere offensichtlich wenig stört.