Von Rudolf Herlt

Princeton, im März

Als Manfred Meier-Preschany, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank und Moderator im Arbeitskreis Wirtschaft, die Frage stellte, auf welchen Gebieten die westlichen Industrieländer zusammenarbeiten könnten, herrschte in der sonst so eloquenten Runde sekundenlang betretenes Schweigen. Es war enthüllend und bezeichnend zugleich – enthüllend, weil von Gremien, in denen akademische Brillanz den Ton angibt, praktische Maßnahmen kaum zu erwarten sind; bezeichnend, weil die Politiker und Praktiker durch Erfahrungen mit wirtschaftspolitischer Zusammenarbeit nicht gerade verwöhnt sind.

So war denn auch die ökonomische Debatte auf der amerikanisch-deutschen Konferenz in Princeton die Domäne der Diagnostiker. Leider fehlten die Therapeuten der neuen amerikanischen Regierung in Princeton. Über die Hauptprobleme, denen sich das nordatlantische Bündnis und besonders seine beiden wirtschaftlich starken Mitglieder gegenübersahen, gab es denn auch keinen Streit. Die Liste der Herausforderungen – Inflation und Arbeitslosigkeit, Energie, die Verschuldung der nichtölexportierenden Entwicklungsländer, der Protektionismus, die schrumpfende Produktivität und die Rolle der internationalen Währungsinstitutionen – ging den Amerikanern ebenso geläufig über die Lippen wie den Deutschen.

Aber als es dann um die Bewertung der wirtschaftlichen Lage und der erkennbaren Trends in den beiden Volkswirtschaften ging, war es mit der Einmütigkeit vorbei. Die Fronten verliefen nicht etwa zwischen Amerikanern und Deutschen, sondern quer durch die amerikanische Gruppe, soweit es um das neue Wirtschaftsprogramm Reagans ging. Die Deutschen argumentierten pragmatisch: Die alte Wirtschaftspolitik, für die symbolhaft der Name Keynes steht, funktioniert nicht mehr. Die Regierungen müssen deshalb eine neue Politik versuchen. Die meisten Elemente einer solch verheißungsvollen neuen Politik sahen sie in Reagans Wirtschaftsprogramm verwirklicht.

Lester Thurow, ein temperamentvoller Professor vom Massachusetts Institute of Technology tat alles, um den Deutschen die Hoffnung zu nehmen, die meisten Amerikaner sähen das auch so. Er ließ am Wirtschaftsprogramm des neuen Präsidenten kein gutes Haar. Er habe seine Zweifel, sagte er, ob hohe Investitionen die Produktivität erhöhten. Im übrigen müßten die enormen Rüstungsaufwendungen für die Jahre 1981 bis 1985 – zu festen Preisen gerechnet zweieinhalbmal soviel wie für Vietnam – zu einer internationalen Wirtschaftskatastrophe führen, denn die Vereinigten Staaten verlagerten de Lasten auf andere. Außerdem werde die Inflation in Amerika wegen dieser gewaltigen Rüstungsausgaben, bei elf Prozent beginnend, Weiter steigen. Ernste ökonomische Schwierigkeiten seien da gar nicht zu vermeiden.

Es muß diese brillant vorgetragene Attacke auf Reagan gewesen sein, die den Ex-Bundesbankpräsidenten Karl Klasen zu der Bemerkung verleitet hat, Professoren seien viel zu intelligent, als daß sie in der realen Welt von Nutzen sein könnten. Er mußte sich den Umkehrschluß entgegenhalten lassen, daß Nicht-Professoren offenbar unintelligent genug seien, die reale Welt zu gestalten.