Hörenswert

Gustav Mahler: "Sinfonie Nr. 1". Der Mahler-Boom mag ein wenig abgeebbt sein, Analysen und Interpretationen haben in den letzten Jahren eine Menge Erkenntnisse gebracht über die rätselhaften Zusammenhänge und Entwicklungen in der Musik dieses ebenso leidenschaftlichen Leistungsfanatikers und Neuerers wie verletzlichen Sensibilisten und Zögerers. Nicht erfüllt hingegen hat sich bislang der vielleicht wirklich utopische Wunsch, eine Gesamtaufnahme aller Mahler-Sinfonien von jemandem zu erhalten, der, fernab einer showhaften Mystifizierung wie bei Bernstein, unsere neueren technokratischen Musizieransätze verbände mit einer Fähigkeit, Mahlers collageartige Kompositionstechnik in Klang umzusetzen, bei der er so unterschiedliche wie aphoristische Elemente kombiniert und dennoch in eine ganzheitliche Form bringt Lorin Maazels Aufnahme der ersten Mahler-Sinfonie könnte, wieder einmal, einen Neubeginn bedeuten und zögernde Hoffnung aufkommen lassen. Zwar zeigt das Orchestre de Paris noch einige Schwächen in der Intonation wie in der Präzision, aber was Maazel in der Entwicklung der Zeitmaße; in der Dynamik, vor allem in der Aufhellung der polyphonen Strukturen erarbeitet hat, zeigt eine unvoreingenommene und ernste Konzentration, die sich nicht durch die scheinbaren "Titan"-Programme ablenken läßt in eine vordergründige Illustrationsmusik. Maazels vor Jahresfrist erschienenen Beethoven-Sinfonien haben gezeigt, was musikalische Dialektik sein kann. Seine erste Mahler-Einspielung könnte versprechen, Höhen und Tiefen der genialischen Konzeption eines sinfonischen Gesamtwerkes nicht durch noch so wohlgemeinte Pseudo-Theatralik einebnen zu wollen. (CBS 76 948)

Heinz Josef Herbort

"Maazel – Lama." Das ist ein Spaß: Der Dirigent Lorin Maazel und die 127 Musiker des Cleveland-Orchesters führen elf Chansons des französischen Komponisten Serge Lama in symphonischen Versionen auf: melodienselig und schwatzhaft, operettenhaft und auf eine ehrgeizige Weise kleinkariert, immer um den Widerspruch der seriösen Albernheit bemüht Es ist schon komisch, wenn der Bläserapparat im Hintergrund gluckts und rumpelt, wenn es schmachtend quietscht und zittert und lärmend jubelt, wenn "Der Sklave" mit ägyptischen Klangfarben angestrichen wird oder aus einem Couplet ein symphonischer Schinken wird, wenn Ravel aufklingt und Glöckchen klingen. Das hat, man merkt es, den soignierten Damen und Herren großen Spaß gemacht. (CBS 73973)

Manfred Sack

Enttäuschend

Eric Clapton: "Another Ticket". Für sein neues Album engagierte Eric Clapton einige der profiliertesten Rock-Veteranen Britanniens, unter ihnen den Pianisten Chris Stainton und den vielseitig talentierten Gitarristen Albert Lee, der schon in dem voraufgegangenen Live-Album "Just One Night" mitgespielt hat. Trotzdem ist "Another Ticket" in allem – Kompositionen, Arrangements und Interpretationen – Claptons dürftigste Studioproduktion seit "There’s One In Every Crowd". Muddy Waters’ "Blow Wind Blow" singt der Stargitarrist mit bronchitisch forciertem Charme, und den Folkblues-Song "Floating Bridge" von Sleepy John Estes hat wohl nie jemand so absolut uninspiriert interpretiert wie Clapton hier. An unfreiwillige Parodie grenzt der Text von "Hold Me Lord", in dem der Sänger die Rolle des Sünders spielt, der sich im Heiligen Land mit lockeren Mädchen, Würfelspiel und Drogen die Zeit vertreibt und dann den Herrn um Vergebung bittet. (RSO 2394 295) Franz Schüler