Doch die Politiker wollten davon nichts hören

Von Karl-Heinz Janßen

Köln, im März

Ich verließ das Gebäude wie im Traum, setzte mich in mein Auto und fuhr erst einfach los. Unterwegs ist mir dann einiges durch den Kopf gegangen... Jetzt ist alles aus, du bist eben nichts wert, und der Gedanke, mit allem aufzuhören und einfach vor ein entgegenkommendes Auto oder einen Brückenpfeiler zu fahren." – "Sechs Tage nach der Verhandlung habe ich mich dann in der Schule abgemeldet und arbeitslos gemeldet." – "Was sollte ich tun? Ich bin desertiert. Können Sie helfen?" – "Nun sitze ich in der Arrestzelle der Bundeswehr ..." – "Ich besaufe mich, um überhaupt schlafen zu können." – "Ich werde verrückt. Ich habe panische Angst vor der Zeit bei der Bundeswehr."

Selbstzeugnisse junger Kriegsdienstverweigerer, die zum drittenmal, also in letzter Instanz, abgeschmettert wurden. Gesprächsfetzen, Briefauszüge, die vorige Woche beim Kongreß "Menschenrecht Gewissensfreiheit" von Seelsorgern vorgelesen wurden. Die Gewissensnot dieser Menschen scheint hierzulande kaum jemanden aufzuregen. Daß sie den Politikern in Bonn bewußt werde, war eines der Ziele dieses Kongresses, des ersten seiner Art, den die "Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen" einberufen hatte. Recht besehen, besteht diese Zentralstelle eigentlich nur aus dem Bremer Pastor Ulrich Finckh und ein paar Mitarbeitern; doch unter seinem Patronat haben sich 24 Gruppen aus der Bundesrepublik zusammengeschlossen: kirchliche, religiöse, pazifistische, Bundesjugendring und DGB-Jugend, Judos und Jusos.

350 waren gekommen: Berater, Betreuer zumeist, aber auch Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstler. Da hatten also die Parlamentarier sozusagen vor der Haustür Gelegenheit, mit einem Teil der unverstandenen, ratlosen Jugend den soviel beschworenen "Dialog" zu eröffnen. Zweifellos hatte die Aussicht auf ein Podiumsgespräch mit Bundestagsabgeordneten ("Kongreß fragt – Politiker antworten") viele angelockt. Zur maßlosen Enttäuschung aller saß am Donnerstagnachmittag ein einziger Politiker auf der "Flora"-Bühne: der junge Freidemokrat Harald Dörig.

Die Abgeordneten mit zugkräftigeren Namen – Hermann Scheer von der SPD, Willi Weiskirch von der CDU/CSU und Jürgen Möllemann von der FDP – hatten sich glaubhaft entschuldigen lassen: Sie mußten an diesem Tag im Verteidigungsausschuß die Hintergründe der "Tornado"-Affäre durchleuchten. Aber bei so wichtigen Sachen wie der mutmaßlichen Verletzung eines Grundrechts in Tausenden von Fällen oder der Neuregelung des Prüfungsverfahrens für Kriegsdienstverweigerer, auf die Zehntausende seit zwei Jahren warten müssen, hätten sich doch Ersatzleute finden müssen (Juso-Chef Willi Piecyk: "Ein Skandal").