Von Josef Joffe

Princeton, im März

Es gibt nur wenige Redner, bei denen eine Vorstellung so überflüssig wäre wie bei mir. Doch es gibt niemanden, der sie mehr genießt als ich." Also sprach Henry Kissinger, der nach Princeton gekommen war, um die 120 Teilnehmer der elften deutsch-amerikanischen Konferenz auf ihre Wochenendarbeit einzustimmen. Die Gäste – eine wohlsortierte Mischung aus Politik, Wirtschaft, Bürokratie und Publizistik – quittierten die vertrauten ironischen Selbstbespiegelungen des Ex-Außenministers mit geziemendem Applaus; sie wurden zusehends schweigsamer, als Kissinger mit gravitätischen Ermahnungen die Konfliktlinien zwischen den beiden Ländern vorzuzeichnen begann.

Amerikas alte Vorherrschaft – so der Staatsmann auf Abruf – sei unwiederbringlich dahin; doch die Europäer erlaubten sich noch immer den Luxus, den Amerikanern die Bürde der gemeinsamen Verteidigung zu überlassen, während sie sich selbst gegenüber dem Osten auf "Konzilianz spezialisierten". Die Bedrohung außerhalb der klassischen Bündnisgrenzen sei dramatisch gewachsen; wie sollten da die Vereinigten Staaten "ihre Truppenstärken in Europa aufrechterhalten, wenn ihnen die Unterstützung in jenen Gebieten versagt wird, welche auch die Europäer als lebenswichtig bezeichnen"? Zwar könne auch die Reagan-Regierung Verhandlungen mit den Sowjets nicht auf Dauer vermeiden. Andererseits "betrachten viele Europäer die Entspannung als eine Art psychotherapeutische Übung – als ob die emsige Demonstration guten Willens alle Schwierigkeiten ausräumen könne".

Indes: Der große Krach wie auf der letzten Princeton-Konferenz vor vier Jahren blieb aus. Es fehlte der Zündstoff, den die frisch installierte Carter-Administration zum Auftakt des deutschamerikanischen Treffens im März 1977 aufgeschichtet hatte. Die Emissäre des neuen Präsidenten waren damals nach Bonn und Brasilia ausgeschwärmt, um das "Exportgeschäft des Jahrhunderts" zu Fall zu bringen: ein Acht-Milliarden-Mark-Paket für die Kernenergieerzeugung, das geeignet erschien, Brasilien den Weg zur Atombombe zu ebnen.

Diesmal hatten die Deutschen Glück. Zwei Monate nach der Amtsübernahme sind die Wahlselber von 1980 noch immer viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, um die Verbündeten in harte Zucht zu nehmen. Hinter den Fassaden der Regierungsmacht tobt ein verbissener Kampf um die Macht in der Regierung: zwischen den Bannerträgern der konservativen Erneuerung, die sich um den lang ersehnten Triumph geprellt sehen, und den "Gemäßigten", die vorläufig die Spitzenpositionen in der Verwaltung besetzt halten; zwischen den Ressortchefs im Pentagon und State Department, denen Reagan nie gekannte Machtfülle versprochen hat, und den Funktionären im Nationalen Sicherheitsrat, die hartnackig um jeden Zoll scheinbar verlorenen Bodens ringen.

Jüngstes Beispiel Pünktlich zum Beginn der fünften Konferenz berichtete die New York Times von einem Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates, dem Harvard-Professor Richard Pipes, der Außenminister Genscher "Selbst-Finnlandisierungstendenzen" nachgesagt haben soll. (Pipes in Princeton zur ZEIT: "Falschmeldung.") Tags drauf wurde er von höherer Stelle im Weißen Haus und vom State Department gemaßregelt. Wiederum einen Tag später schlug sein Chef, Reagans Sicherheitsberater Richard Allen, zurück: Auch er sei besorgt über "pazifistische Stimmungen" in Europa und den Versuch, "Rüstungskontrolle als Ersatz für militärische Stärke anzupreisen". Ein amerikanischer Teilnehmer der Princeton-Tagung: "Im Vergleich zum Reagan-Team erscheint die Carter-Administration wie ein Ausbund an Disziplin und Professionalität."