Von Klaus-Peter Schmid

Von KZ paar Wochen rief mich François, der Sohn ehemaliger Nachbarn an, um mich um einen Gefallen zu bitten. Im letzten Sommer hatten ihn Gendarmen auf Korsika beim Nacktbaden ertappt, und da Korsika doch reichlich weit von Saint-Tropez entfernt liegt, war die Sache mit einer Verwarnung nicht aus der Welt zu schaffen. François wurde nebst Freundin angezeigt, und bald darauf flatterte ihm die Vorladung vor einen Richter ins Haus.

Was lag nun näher, als alle Hebel in Bewegung zu setzen, um. unbeschadet aus der Geschichte herauszukommen? "Als Journalist kennst du doch sicher einflußreiche Leute im Justizministerium, die in meiner Sache intervenieren könnten. Läßt sich da nichts machen?" Ein kleiner Brief aus dem Vorzimmer des Ministers etwa oder eine wohlwollende Notiz von der Hand eines hohen Beamten ...

Eine solche Anfrage ist für einen Franzosen keineswegs peinlich; er findet auch die Vorstellung nicht ungewöhnlich, daß ein Ministerialbeamter sich in den Bagatellfall einer fehlenden Badehose einschaltet. Denn Beziehungen zu haben und sie spielen zu lassen, das wird in Frankreich mit gleichem Eifer betrieben wie Pferdewetten, Bistrobesuche oder Steuerhinterziehung. Wer sich ein solches. Vergnügen nicht gönnt, ist selber schuld.

Im Prinzip geht es schließlich um nichts anderes als die Wahrnehmung eines Rechts, nämlich den Umgang mit der Bürokratie halbwegs menschlich zu gestalten. Der für die Beamten zuständige Minister, der es eigentlich besser wissen müßte, behauptet zwar immer wieder, Frankreich habe das beste Verwaltungssystem der Welt. Doch wer einmal französischen Behörden ausgeliefert war, der weiß, daß sie einen bis zur Weißglut nerven können. Ein Schalter trennt oft zwei Welten voneinander, von Charme und Höflichkeit bleibt bei den Dialogen über die Trennungslinie hinweg meist nicht viel übrig.

Die Kunst besteht nun darin, den Verkehr mit amtlichen Stellen über Umwege zu leiten, um dadurch schneller ans Ziel zu kommen. Ein Beispiel? Bis vor kurzem war es praktisch in ganz Frankreich unmöglich, in halbwegs vertretbarer Zeit einen Telephonanschluß zu bekommen. In Paris mußte man in manchem Quartier bis zu zwei Jahren warten. Folglich bestand die Kunst darin, dank guter Beziehungen ins Postministerium ein paar Plätze auf der endlos langen Warteliste zu überspringen (und sich damit nebenbei die Bewunderung der ganzen Nachbarschaft zu sichern).