/ Von Rudolf Walter Leonhardt

Für eine Tänzerin ist Natalie ungeheuer gebildet. Sie spricht sogar Deutsch: in der Schule gelernt, in der DDR geübt. Vor allem dadurch, daß die DDR zum sozialistischen Lager gehört, ist Deutsch in Moskau keine unbekannte Sprache.

Englisch spricht Natalie auch, aber nicht sehr gut. Es gibt eben kein Land des Warschauer Paktes, wo man Englisch üben könnte.

Durch ihre Deutschkenntnisse habe ich Natalie kennengelernt. Ich hatte mich aus der relativ behüteten Welt der Intourist-Hotels herausgewagt in das Variete-Restaurant "Arbat", wo überwiegend Sowjetbürger verkehren. "Russen" zu sagen, habe ich mir abgewöhnt, seit Natalie mich erzogen hat: "Der da ist ein Lette; das ist natürlich ein Usbeke; und der ist auch ein Asiate, ein Georgier."

"Wie, Georgier sind Asiaten?"

"Aber natürlich."

"Stalin war also ein Asiate?"