Innerhalb weniger Jahre hat die französische Post ein modernes Fernsprechnetz aufgebaut

Wunder dauern bekanntlich etwas länger. Noch vor ein paar Jahren wurde mit Fug und Recht behauptet, die eine Hälfte Frankreichs warte auf einen Fernsprechanschluß, die andere auf das Freizeichen. Heute macht die Post damit Reklame, daß jedermann Tokio direkt anwählen kann – eine Selbstverständlichkeit, die viele Franzosen noch als Wunder empfinden.

Der Ausbau des Telephonsystems ist (neben der Verbesserung des Straßennetzes und der Modernisierung der Krankenhäuser) einer der sichtbarsten Fortschritte, die Präsident Valéry Giscard d’Estaing während seiner siebenjährigen Amtszeit Frankreich beschert hat. 1975 hatten nur sieben Millionen Franzosen ein Telephon, heute sind es fast sechzehn Millionen. Vor allem: Es ist kein Kunststück mehr, damit auch zu telephonieren.

Die miserable Qualität des Fernsprechnetzes war in Frankreich noch vor fünf, sechs Jahren fast sprichwörtlich. Ferngespräche klappten erst nach wiederholtem Anlauf. Wer aus der Provinz nach Paris anrufen wollte, dem ging es nicht besser. Zu allem Überfluß brach dann meist mitten im Gespräch die Leitung zusammen. Kein Wunder, daß es 1974 in einer Studie der Raumordnungsbehörde DATAR hieß, manches multinationale Unternehmen habe sich für Brüssel, Genf oder London als Sitz seiner Europa-Zentrale entschieden, weil in Paris das Telephon so schlecht funktioniere.

Das größte Problem war allerdings bis vor kurzem, überhaupt einen Anschluß zu bekommen. 1975 betrug die durchschnittliche Wartezeit 18 Monate. In jedem Fall empfahl es sich, einen einflußreichen Fürsprecher im Postministerium zu mobilisieren, um die Frist wenigstens um ein paar Wochen zu verkürzen. Kein Wunder, daß sogar Italien mehr Telephonanschlüsse pro Kopf der Bevölkerung aufweisen konnte (14 gegenüber 10,4 in Frankreich).

Den langjährigen Rückstand schreiben viele der Aversion Charles de Gaulles gegenüber dem Telephon zu. Es war für ihn ein bürgerlicher Luxus, von dem er nichts wissen wollte. Um das Prestige Frankreichs zu heben, ließ der General zwar Riesensummen in ein Zentrum für Nachrichtensatelliten in der Bretagne investieren. Doch auf dem flachen Land funktionierte immer noch die Handvermittlung. Wenn die Telephonistin gerade ihre Mittagspause machte, war kein Durchkommen.

Vor Giscards Amtsantritt ließ sich die Post das Legen eines Fernsprechanschlusses teuer bezahlen: Die Begünstigten mußten die Kosten vorstrecken, die Post zahlte sie dann ratenweise zurück. 1974 trat an die Stelle dieser merkwürdigen Kreditpraxis eine einmalige Abgabe von 1100 Francs, die mittlerweile auf 500 Francs reduziert wurde. Nur Rentner sind davon befreit.