Im Südlibanon flackert wieder das Feuer eines neuen Krieges auf. Und wieder fing es vergleichsweise harmlos an: Erst traf der libanesische Staatspräsident Sarkis in Damaskus mit dem syrischen Präsidenten Assad zusammen. Daraufhin wurden Einheiten der immer noch schwachen libanesischen Armee in Dörfer des südlichen Landesteils verlegt. Dann beschwerten sich christliche Bewohner dieser Ortschaften bei Major Saad Haddad, dem selbsternannten, von Israel ausgehaltenen Befehlshaber des "Freien Libanon", über diese Eigenmächtigkeit der Regierung in Beirut. Daraufhin belegte dieser den Ort El Kantara mit Geschützfeuer, wobei drei nigerianische UN-Soldaten den Tod fanden und 15 verwundet wurden. Schließlich gab es Proteste des Weltsicherheitsrates und des zuständigen UN-Kommandeurs an die Adresse Jerusalems, hinhaltende Entschuldigungen und Erklärungen der Israelis.

Im Augenblick ist es wieder ruhig an der Front entlang dem Litani-Fluß, zwischen dem Libanon und Israel. Aber es ist dort nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Denn sobald die Libanesen fortfahren sollten, ihre Soldaten zur "Wiederherstellung der Souveränität und Autorität" in dem von der Unifilden seit 1978 eingesetzten UN-Truppen kontrollierten Gebiet zu stationieren, werden sich Haddads Milizionäre mit Israels Billigung dagegen zur Wehr setzen. Ihre Befürchtung: Die mit den Palästinensern sympathisierenden Moslem-Einheiten der libanesischen Armee werden Guerilla-Angriffe gegen Israel kaum unterbinden, eher sogar unterstützen. Inzwischen sollen sich in dem Niemandsland nördlich des Litani bereits wieder 800 Freischärler der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) eingenistet haben.

Sobald andererseits dem Major von Jerusalems Gnaden, Saad Haddad, freie Hand gelassen wird – wie vermutlich im Fall El Kantara –, die Pläne der rechtmäßigen Regierung nach eigenem Gutdünken zu durchkreuzen, wird die Spannung weiter wachsen. Zwar versprach Ministerpräsident Menachem Begin, der über den Zwischenfall "sehr verärgert" gewesen sein soll, Haddad zur Zurückhaltung zu ermahnen, sein Generalstabschef Eitan indessen redete sich mit der Entschuldigung heraus, sein libanesischer Statthalter sei nur "schwer zu bändigen". Vollends unglaubwürdig werden solche Behauptungen, wenn es zutrifft, daß Haddad sogar gedroht hat, die südlich von Beirut gelegene Stadt Saida mit neuen, weitreichenden Geschützen aus israelischen Beständen zu beschießen, sollte ihm die libanesische Regierung nicht zehn Millionen Mark an Soldrückständen zahlen.

Wie auch immer Jerusalem die Nützlichkeit der UN-Sperre vor seiner Nordgrenze einschätzt oder die Wachdienste seines Sheriffs Haddad in der Pufferzone honoriert – an der Rolle des Angeklagten vor dem Forum der Vereinten Nationen kann ihm kaum gelegen sein. Da richtet auch der Hinweis wenig aus, daß die palästinensischen Fedayin in den letzten drei Jahren mehr tote Unifil-Soldaten auf dem Gewissen haben als die Milizionäre, die angeblich als "libanesische Patrioten" eine "nationale Aufgabe" erfüllen (so vollmundig Generalstabschef Eitan). Mit Hilfe dieses zwielichtigen Schutzmanns jedenfalls läßt sich weder das Problem des Libanon lösen noch das Schicksal der Palästinenser.

Die Verantwortung für die Entspannung in dieser Region tragen die Vereinten Nationen. Sie sollten auch, wenn sie durchbrochen wird, zur Verantwortung gezogen werden.

Dietrich Strothmann