Das ist ja grausam" steht auf dem einen Spruchband, ein schlichtes "Kotz!" auf einem anderen, "Hau ab, du Kulturbanause" auf einem dritten. Die 4000 zahlenden Zuschauer bei der 5018. "Talentprobe" am Kölner Tanzbrunnen im Hochsommer 1979 kennen kein Erbarmen. Wer sich da vor ihnen auf der Bühne produziert, meist mit deutschen Schlagern der schlimmeren Sorte, immer mit der brennenden Sehnsucht, für den professionellen Trivialmusikmarkt entdeckt zu werden, muß damit rechnen, eine Katastrophe zu erleben. Das Publikum will ein Schlachtfest, pfeift und johlt wie besessen, bis auch das letzte Amateür-"Talent" begriffen haben müßte, daß es doch lieber in der haben wanne singen sollte.

Doch einer wie der Malermeister Karl-Heinz Wandelbein, der sich vorgenommen hat, an diesem Abend die Stücke "Ihr Name war Carmen" und "Quando mi amore" vorzutragen, läßt sich durch die Meute am Tanzbrunnen nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: Auf der Bühne blüht der vorher so schüchterne junge Mann, der beim Vorbereitungsgespräch mit dem Conferencier Udo Werner recht ängstlich und gehemmt gewirkt hatte, erst richtig auf, ahmt selbstbewußt die Showgesten der Schlagerprofis nach, scheint sich wohlzufühlen inmitten des allgemeinen Geheuls.

Die Kölner "Talentprobe" ist eine Feuerprobe. Die kleinbürgerlichen Gladiatoren, die da in die Arena treten – zum Beispiel ein Maurer, ein Elektromonteur, eine kaufmännische Angestellte –, können oft keine Noten lesen, keine Tonarten erkennen, keine Melodie halten. Sie sind Dilettanten mit einem selbstmörderischen Dräng zur Selbstdarstellung. Eine Viertelstunde lang im Mittelpunkt zu stehen, (wie auch immer), den Alltagsexistenz zu entkommer. Da klingen die Schmähungen der viertausend schon fast süß.

So ist der Film "Talentprobe" des 1943 geborenen Dokumentaristen Peter Goedel auch eine Studie zur gewöhnlichen Einsamkeit in Deutschland. Hinter dem makabren Ritual am Tanzbrunnen wird die Sehnsucht der Akteure spürbar, etwas anderes, etwas Besonderes zu erleben: um beinahe jeden Preis. Denn was das Publikum betreibt, aufgeheizt von den zynischen Kalauern dies Conferenciers, gleicht einer gezielten Persönlichkeitsvernichtung. Ähnlich funktionierte übrigens die vom NDR importierte und inzwischen glücklicherweise wieder abgesetzte "Gong Show".

Der Dokumentarist Peter Garde! mischt sich nicht ein, erspart sich und dem Kinopublikum kritische Kommentare. Er und seine vier Kameramänner (angeführt von David Slama) zeigen, über zwei Stunden lang, den Ablauf der 5018. "Talentprobe" vom Eintreffen der Kandidaten am Nachmittag bis zur Entscheidung am späten Abend. Ganz am Ende sieht man die Gesichter der Verlierer: stumm, verschlossen, erschöpft, gezeichnet von einer Erfahrung, die sie – und die Zuschauer im Kino – lange nicht werden, vergessen können.

Goedels Arbeitsweise hat ihm den Vorwurf eingebracht, er potentziere nur noch die Unbarmherzigkeit dieser unbarmherzigen Veranstaltung. Aber gerade der Verzicht auf eine besserwisserische Kommentierung, die konzentrierte Beobachtung der Personen hinter und auf der Bühne – die Kandidaten, die hilfreiche Profiband, die selbst den größten Nichtskönner noch gut aussehen lassen will, der ständig schalen Frohsinn produzierende Showmaster – schützt den Film vor einer ausbeuterischen Haltung.

Die gelassene Sorgfalt, mit der die ruhigen Schwarzweiß-Bilder ganz ohne Fernseh-Reportagen-Flüchtigkeit aufgenommen und von Goedel mit der Hilfe des Meister-Cutters Peter Przygodda (der fast alle Wenders-Filme schnitt) montiert wurden, zwingt den Zuschauer in eine Position, wo er selber Entscheidungen treffen, eine eigene Haltung zum Dargebotenen entwickeln muß.