Ausgerechnet im Land der ungeniertesten Patrioten, in Großbritannien, reißt die Kette der enthüllten Landesverräter nicht ab. Nun soll zu ihnen auch zehn Jahre lang der Chef des Abwehrdienstes MI 5, Sir Roger Hollis, gezählt haben.

Das behauptet ein neues Buch des Fleet-Street-Alleswissers Chapman Pincher, der lange Zeit Verteidigungsexperte des Daily Express war. Die Vorabdrucke erscheinen in der Daily Mail, die der Regierung Thatcher nichts Böses will. Frau Thatcher aber muß nun ausbaden, was unter Harold Macmillan (konservativ) und Harold Wilson (Labour) unaufgedeckt blieb.

Hollis soll drei Jahrzehnte lang für Moskau gearbeitet haben, Während er dem M(Military)-I (Intelligence)-5-Ressort vorstand, passierten Ungarnaufstand und Mauerbau in Berlin. Was westliche Sicherheitsdienste dazu dachten, was die Nato-Militärs planten, was die Politiker von Washington bis Ankara besprachen – der MI-5-Chef wußte es alles.

Nach Burgess, Maclean, Philby und Blunt nun der Boß selbst. Frau Thatcher suchte noch im November 1979 Blunts Unverdächtigkeit damit zu belegen, daß sein Direktor für ihn eingetreten sei. Hat auch dieser "Direktor" nach Direktiven jener Herren gehandelt, für die er und Blunt Schulter an Schulter arbeiteten?

Das ist wie eine Story von Le Carre. Auch dort wird der vertrauenswürdige alte Beamte zurückgeholt, um den "Maulwurf" unterm Staatsbau zu finden. Smiley findet ihn – im Roman. Aber auch Lord Trend, Kabinettssekretär mehrerer Premierminister, hat, obwohl schon pensioniert, ein Jahr nach dem Tod von Sir Roger Hollis, einen Bericht erstellt, aus dem wenn nicht die Schuld, so doch die Unglaubwürdigkeit des MI-5-Chefs hervorgeht.

Das war schon die zweite Untersuchung. Die erste fand noch zu Lebzeiten des Verdächtigen statt, 1970. Auch sie erbrachte keine Beweise. Was immer Hollis im Herzen war, in der Praxis verstand er es, wasserdichte Maulwurfsgänge zu bauen. Bestätigen sich die Angaben Pinchers, dann geht Sir Roger als perfekter Doppelagent in die Geschichte der Geheimdienste ein.

Er starb 1973, und Tote können keine Beleidigungsklagen erheben, Ob es eine entrüstete Familie vermag, bleibt abzuwarten. Nicht die Opposition, sondern ein Abgeordneter derRegierungspartei verlangt eine tiefschürfende Untersuchung der Tätigkeit von MI 5. Das Land, das die besten Romane über diese Organisation hervorgebracht hat und zwei unsterbliche Figuren aus den Reihen ihrer Mitarbeiter – James Bond und George Smiley – will sich nicht nachsagen lassen, die Wirklichkeit sei viel hanebüchener gewesen als die Phantasie der Schriftsteller (oder beides sei vielmehr ziemlich deckungsgleich). Das wäre freilich die erste Untersuchung des Treibens dieser Institution, die einer heiligen Kuh auf indischen Straßen gleicht. Die geheimnisvolle Aura, mit der sich MI 5 umgibt, steht in keinerlei Verhältnis zur Wichtigkeit der militärischen Geheimnisse einer zweitrangigen Macht mit vier Atom-U-Booten. Es ist daher nur die Kenntnis von Entwicklungen des gesamten westlichen Bündnisses, was das Durchdringen des britischen Geheimdienstes für die Sowjetunion so wünschenswert und ertragreich gemacht haben muß.

Motive für das allfällig sinistre Treiben des von der Königin 1960 zum Ritter geschlagenen Hollis sind – noch – nicht bekannt, Ausnahmsweise scheiden homosexuelle Lebensbünde aus, obwohl auch Hollis in Oxford studierte. Er ist einmal trotz einer – potentiell erpressungsreifen – Frauengeschichte im Amt geblieben. Man hat ihm total vertraut. Wer das bei Leuten tut, die sich professionell mit Verrat befassen, ist selbst schuld. Karl Heinz Wocker