Die Offenheit, mit der der Bischof von Limburg die Situation in den Kirchengemeinden analysiert, überrascht und ermutigt. Wann hat sich denn schon einmal ein katholischer Bischof so aufgeschlossen an die Menschen gewandt, die der Kirche fernstehen, sie aufgefordert, ihm unverhüllt ihre Erfahrungen mit und in der Kirche zu beschreiben, und dabei deutlich zu sagen, was sie anders sehen? Ich folge dieser Aufforderung gern – und zwar als fernstehender Amtsträger in dieser katholischen Kirche.

Es geht mir dabei weniger um eine genaue Analyse des umfangreichen Bischofsbriefes, der ja immerhin 144 Seiten umfaßt, als vielmehr um spontane Eindrücke und persönlichen Widerspruch, der dem engagierten Hirtenwort aber keinen Abbruch tun soll. Wenn ein Bischof seinen Gemeinden so eindringlich empfiehlt, sich Außenstehenden zu öffnen, kann man sich als Priester nur wünschen, in seiner Diözese zu leben und zu arbeiten. Kein Fernstehender wird da verurteilt oder voreilig ins Abseits gestellt, statt dessen wird Verständnis für schwierige Situationen gezeigt. So werden passive Sonntagsgottesdienst-Besucher, distanzierte Kirchenmitglieder und traditionsorientierte Katholiken gleichermaßen angesprochen – aber auch die Gemeindemitglieder, die am ehesten benachteiligt werden, die sich besonders leicht unverstanden fühlen: Jugendliche, Arbeitslose, Frauen und Kinder, Arbeiter und Behinderte oder Gläubige, die aus verschiedenen Gründen an der Kirche leiden, Akademiker also und Eheleute in konfessionsverschiedenen Ehen, Geschiedene, die wieder geheiratet haben, und Katholiken, die an den autoritären kirchlichen Leitungsformen Anstoß nehmen.

Die ehrliche Situationsanalyse weckt Hoffnungen auf überzeugende Antworten, die Antworten fallen dann aber etwas enttäuschend aus. Als grundsätzliche Antwort gibt Kempf die Aufforderung an die Gemeinden, sich zu öffnen und lädt die "Fernstehenden" ein, "ihren Platz in der Kirche und Gemeinde neu wahrzunehmen". Dies wird oft wiederholt, häufig durch ein "bitte" bekräftigt. Ein Bischof, der bittet, statt zu verurteilen, ist gewiß ein sympathischer Bischof. Aber die häufigen Bitten erwecken auch den Eindruck, daß es an durchschlagenden Argumenten fehlt, warum die sogenannten Fernstehenden denn nun eigentlich am Gemeindeleben teilnehmen sollen. Viele der Probleme, die in der Analyse so treffend beschrieben werden, konnten auch durch aktives Mitleben in der Gemeinde nicht gelöst werden. So sei nur daran erinnert, daß in manchen deutschen Diözesen engagierte Christen nur deshalb aus dem kirchlichen Dienst entlassen wurden, weil sie die Entscheidung über die Taufe ihren Kindern selbst überlassen wollten, weil der Ehepartner einer anderen Konfession angehörte oder weil sie andere Vorstellungen von der Ehe hatten als die amtliche Kirche.

Der Bischof schreibt in seinem Brief, daß "junge Menschen die Weggemeinschaft, erwachsener Begleiter brauchen, die sich ihnen zur Verfügung stellen als Gesprächspartner, die sie ernst nehmen mit ihren Nöten und Fragen, die sich also wirklich auf deren Situation einlassen, ohne Absicht, aus ihnen Gemeindemitglieder nach einem vorgegebenen Muster zu formen", und er verlangt? "Geben wir der Jugend in unseren Gemeinden Raum, damit sie sich mit ihren Vorstellungen einbringen kann." Aber ist dies an vielen Orten nicht nur schöne Theorie? Schließlich gibt es genug Gemeinden, die gern so handeln wollten, aber auf Weisung ihres Bischofs, nicht des Limburgers natürlich, nicht so handeln durften.

Das öffnen der Gemeinden ändert nur dann die Entfremdung der Kirche von den Menschen, wenn auch gleichzeitig an der Spitze der kirchlichen Hierarchie die Fenster wieder geöffnet werden. Dies hat die Entwicklung der katholischen Kirche in den Niederlanden gezeigt.