Von Dietrich Strothmann

Kiel

An diesem 22. Verhandlungstag gegen Kurt Asche – 71 Jahre alt, ehemaliger SS-Obersturmführer in Brüssel von 1942 bis 1944, ehemaliger Schlafwagen-Page und Lagerarbeiter ab 1955, zur Zeit Rentner aus Hamburg und angeklagt vor der VIII. Großen Strafkammer des Landgerichts Kiel wegen Mordbeihilfe in mindestens 10 000 Fällen –, an diesem Tag geht es nur am Rande um Kurt Asche. Er hockt, hager und bieder, mit unruhigem Blick vor der Richterbank an der einen Ecke des großen Tisches, zusammen mit seinen beiden Verteidigern und den Nebenklägern. Der Ostberliner Staranwalt Professor Friedrich Karl Kaul sitzt ihm genau gegenüber. Die beiden schauen die ganze Zeit über angestrengt aneinander vorbei.

Natürlich sind die fünf Zeugen, die an diesem Tag aus Belgien angereist waren und damals mit Asches Hilfe nach Auschwitz deportiert wurden und dennoch überlebten, mit dem Angeklagten "weder verwandt noch verschwägert", wie der Vorsitzende Richter Rudolf Dann sie aus Prozeßordnungsgründen fragen muß, woraufhin der eine ungläubig den Kopf schüttelt, der andere kurz auflacht.

Natürlich hat damals auch keiner von ihnen je den Angeklagten gesehen, weder in der Gestapo-Leitstelle von Brüssel noch im Sammellager Mechelen, noch beim Abtransport in den Viehwaggons. Kurt Asche saß damals als "Judenreferent" des Sicherheitspolizei-Befehlshabers an seinem Schreibtisch, stellte Deportationslisten zusammen, kümmerte sich um Verhaftungsaktionen, Zugtermine, Räumungsbefehle, das Eigentum der Häftlinge (wofür er später wegen Hehlerei auch vor einem SS-Gericht zur Rechenschaft gezogen, degradiert und an die Front geschickt wurde). Dieser Kurt Asche, der wahrscheinlich nur zweimal – so von anderen Zeugen bekundet – in dem Lager Mechelen war, sonst aber lediglich "alte Akten" bearbeitete und sich nach Dienstschluß mit seiner Freundin in Brüssel vergnügte, hat sich nie unmittelbar seine Hände "schmutzig" gemacht. Er war ein kleiner Eichmann gewesen: korrekt – in Grenzen, wie gesagt –, treu auf jeden Fall, pflichtbewußt, was seine Aufgabe anging, Belgien "judenrein" zu machen. Damals hatte Kurt Asche Gewalt über Leben und Tod.

Nein, Asche haben sie nie vorher gesehen. Noch heute erinnern sich die Zeugen, daß sie kaum einmal einen ihrer Häscher und Folterknechte in den grauen Uniformen zu Gesicht bekommen hätten. Aus Angst oder weil es ihnen so befohlen worden war, hatten sie ihr Gesicht meistens zu Boden richten müssen. Sie galten nicht mehr als Menschen, nur als Ungeziefer, das totgetreten werden mußte.

Nein, an ihren Tod hätten sie auch nicht glauben wollen. Auch noch nach den Schlägen und nachdem ihnen alles weggenommen worden war, hatten sie sich noch immer an den letzten Rest Hoffnung geklammert, doch am Leben zu bleiben – selbst als sie in den Zellen der Kaserne von Mechelen zusammengepfercht worden waren, als sie zu jeweils hundert in die Viehwaggons getrieben wurden, darunter zur Hälfte Kinder und Alte, auch Mütter mit ihren Babys, als sie ohne Essen und Trinken drei Tage und drei Nächte nach Osten fuhren.