Der Schriftsteller Erich Loest hat von den Behörden der DDR ein auf drei Jahre befristetes Visum erhalten und ist in die Bundesrepublik eingereist, wo er vorerst bei Verwandten in Osnabrück untergekommen ist. Der Autor, 1926 geboren, ist den Behörden seines Landes früh unbequem geworden: Nach dem 17. Juni 1953 und nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 kritisierte er öffentlich den stalinistischen Kurs der SED, der er "Verlogenheit und Volksfremdheit" vorwarf. Er erhielt Schreibverbot, wurde "zur, Bewährung in der Fabrikarbeit" "begnadigt", aber 1957 verhaftet und wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" im Zusammenhang mit der "Gruppe Harich" und dem ungarischen Petöfi-Kreis zu sieben Jahren Haft in Bautzen verurteilt. Loest, der zahlreiche Kriminal- und Abenteuer-Romane geschrieben hat, wurde im Westen bekannt vor allem durch seinen Roman "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene".

Auf der diesjährigen Pressekonferenz zur Leipziger Buchmesse zeigte sich Klaus Höpcke, der stellvertretende Kulturminister der DDR, nicht in bester Form. Jahrelang durfte man das Gefühl haben, hier tummle sich ein Politiker mit den spritzigen Fähigkeiten eines Parlamentsredners in seinem Spezialgewässer. Gegenüber den klippenreichen Fragen der Westjournalisten konnte er zeigen, daß er mit allen rhetorischen Wassern gewaschen ist, konnte Zwischenspurts mithalten, seine Wenden waren artistisch, seine Salti und Schrauben erweckten Staunen und sogar Vergnügen. Lächelnd balancierte er haarscharf am Beckenrand.

Diesmal wirkte er schlecht trainiert, überanstrengt. Diesmal verzichtete er nicht auf die miese Starthilfe bestellter Fragen durch eigene Leute. Ob er die Welt vom Soundsovielten gelesen hätte – sonst läse er sie "aus hygienischen Gründen" nicht, aber diesmal hätte er, und so konnte er vom Blatte lesen, was er vorher ausgetüftelt hatte oder was ihm zugearbeitet worden war.

Spät in dieser Konferenz, als sich Müdigkeit schon breitmachte, wurde er gefragt, ob es eine Verschärfung der Politik gegenüber ausreisewilligen Schriftstellern darstelle, daß Karl Heinz Jakobs und Erich Loest ein dreijähriges Visum mit nur einmaliger Aus- und Ein-Reise bewilligt worden sei, während bisher mehrmalige Rückkehrmöglichkeit die Regel gewesen wäre. Da antwortete Höpcke, das wäre keine Verschärfung, sondern Jakobs und Loest hätten "einmalige" Aus- und Ein-Reise "beantragt", und ihrem Wunsch sei stattgegeben worden.

Ich kann nicht für Jakobs reden, aber was mich anlangt, so muß ich sagen: Herr Minister, Sie haben gelogen.

Innerhalb eines Jahres haben Höpcke und ich mehrfach diskutiert, wie meine schriftstellerische Zukunft aussehen könne, welche Möglichkeiten mir noch in der DDR bleiben, was mit Manuskripten geschehen solle, die mir kein DDR-Verlag abnimmt, und wenn davon die Rede war, daß ich auf Zeit mein Berufsglück westlich der DDR-Grenzen suchen wollte, war immer mehrfache Aus- und Ein-Reise inbegriffen.

Als Höpcke mir monatelang nicht antwortete, schrieb ich an den Staatsratsvorsitzenden Honecker und bat um ein Visum, das mir zwischendurch die Möglichkeit geben sollte, meine Heimat zu besuchen; als Höpcke mir schließlich mitteilte, mir sei nur einmalige Aus- und Ein-Reise gestattet, appellierte ich noch einmal an Honecker – das alles weiß Höpcke, er war immer dabei, und er war es, der mir schließlich den Paß übergab. Ihm bleibt also nicht einmal die Ausflucht, ein Mitarbeitet habe ihn falsch informiert. Höpcke hat glatt gelogen.