Bahnbrechend

„Außer Atem“ von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1960. Man kann miterleben, wie jemand gerade sein Kino erfindet; und daß er dafür nur eine einfache Geschichte braucht. Ein junger Mann (Jean-Paul Belmondo) stiehlt in Marseille ein Auto und erschießt unterwegs den Polizisten, der ihn festnehmen will. In Paris angekommen, sieht er seine Freundin Patricia. Er findet sie (Jean Seberg) auf den Champs Elysées: dort verkauft sie die New York Herald Tribune. Sie verbringen eine Zeit zusammen, reden miteinander, schlafen miteinander. Daun verrät sie ihn an die Polizei. Die war schon die ganze Zeit hinter ihm her. Bei der Festnahme wird er erschossen. Sterbend läuft er bis zum Ende der Straße. Was man bis dahin noch nie so gesehen hatte im Kino: daß die Mittel, mit denen das Kino erzählt, nicht nur benutzt wurden zur Herstellung von Illusion, sondern gleichzeitig zu ihrer eigenen Reflexion: im Augenblick ihres Gebrauchs. „Außer Atem“ erzählt eine einfache Geschichte. Die Story stammt von François Truffaut. Technischer Berater war Claude Chabrol. Jean Seberg und Jean-Pierre Melville (der einen Schriftsteller spielt) sind tot Jean-Paul Belmondo spielt heute wieder in Filmen, die Melville bereits vor zwanzig Jahren hinter sich gelassen hatte. Heute diesen Film sehen: den Anfang von etwas miterleben, dessen Ende auch schon wieder Vergangenheit ist. Der neue Film von Godard heißt bereits „Rette sich wer kann (das Leben)“.

Norbert Jochum

Angestrengt

„Der Mond ist nur a nackerte Kugel“ von Jörg Graser. Auf einer, grünen Wiese steht ein Häuschen aus Holz – darin sitzt ein trunkener Bayer und verrichtet sein Geschäft. Vor dem Häuschen steht eine große Kanone – an der ein anderer trunkener Bayer heftig hantiert. Der Schuß geht los, das Plumpsklo fällt in sich zusammen. Eine wirklich ulkige Szene – zumal dem Regisseur und Drehbuchautor Graser dazu der fabelhafte Wortwitz eingefallen ist, daß es in der deutschen Sprache nicht nur das Wort „schießen“ gibt, sondern auch ein anderes, das ganz ähnlich klingt. Trotz mancher eher schlichter Einfälle aber ist Grasers Debütfilm kein Lederhosenkino, sondern verbissen ehrgeiziges Kunstkino: bayerische Ballade,. Melodram, „kritischer Heimatfilm“. Annie (Elisabeth Stepanek), ein Mädchen vom Lande, dumpf und doch sehnsuchtsvoll, löst sich aus der Tyrannei ihres alten Stiefvaters (Sigfrit Steiner), um alsbald in die ihres Bräutigams (Peter Turrini) zu geraten. Franz-Xaver Kroetz spielt auch mit: seinen mitleidvoll-behutsamen Stücken ist dieser Film ebenso nachempfunden wie Turrinis böser und gröber gepinselten süddeutschen Sittenbildern. Zehn Jahre nach der Entdeckung eines Genres, des „neuen“ Volkstheaters, „neuen“ Heimatfilms, zeigt Jörg Graser eine nicht ungeschickte, aber leblos-absichtsvolle Stilübung: mit pointiert zurechtgemachten Dialogen, langen, langwierigen Einstellungen, mit einer Schauspielerei, deren Intensität seltsam nachgemacht, nachgestellt wirkt: Alle starren bedeutsam ins Leere und Weite und halten das schon für kritische Kunst. Bei Kroetz hatte die Realität ein Genre produziert; bei seinem Nachläufer Graser imitiert dasGenre die Realität. Graser, Jahrgang 1951, hat sich (mit seinem Theaterstück „Witwenverbrennung“ wie mit diesem Film) rasch als ein Dialogtalent erwiesen – ob dies Talent mehr hergibt als epigonale Kunststücke, kann noch niemand, entscheiden.

Benjamin Henrichs

Inspiriert