Von Dieter E. Zimmer

Erich Loests Erzählungssammlung "Pistole mit sechzehn" (1979) beginnt mit einer Novelle, in der dem Leser der Züchtling Nummer 402 im Zuchthaus zu Waldheim vorgeführt wird. Es ist ein verkrachter Fabrikschullehrer, Sohn eines armen Webers aus der Chemnitzer Gegend, der sich seine Strafe mit ein paar kleineren Betrügereien und Hochstapeleien zugezogen hatte – kein "schwerer Junge", der Direktor hält ihn für einen ehrgeizigen, kränklichen, zu kurz gekommenen Halb-Intellektuellen. Im Zuchthaus fällt er dadurch auf, daß er sich gern in ausführliche und detaillierte Phantasien verliert. "Der kann seine Gedanken wegschicken. Die sind wirklich in Böhmen oder sonstwo, und dabei sitzt er hier und wickelt Zigarren", so sagt es einer seiner Mitgefangenen; Der Anstaltsgeistliche ermuntert ihn, seine Phantasien aufzuschreiben. "Über einen Ritt durch die Prärie will er, fabeln, in der Wildnis wird sein Bericht beginnen, auf einem Grashügel, mit einem Blick in die Unendlichkeit. Er schreibt diesen Satz: ,Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren.‘...er findet ihn träumerisch, hoffnungsvoll; Kraft fühlt er in ihm, die auf ihn zurückkommt. Denn er selbst ist es, der über Präriegras sprengt, er dröselt keine Fäden auf, mit denen Tabakblätter gebündelt sind. Swallow, mein wackerer Mustang."

So heißt nun auch der neue Roman von –

Erich Loest: "Swallow, mein wackerer Mustang"; Hoff mann und Campe, Hamburg, 1980; 420 S., 32,– DM,

und jene ältere Erzählung bildet sein erstes Kapitel. Sein Autor hat mit dem Mann, von dem das Buch handelt, einiges gemein. Sie sind beide Sachsen; sie sind beide Schriftsteller; sie haben beide etwa sieben Jahre lang "gesessen" – Loest nahezu ein Jahrhundert später, als aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt geworden war, wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung". Der Mann, dessen Leben Loest erzählt, heißt Karl May und ist in Loests Heimat DDR bis heute verboten.

Es ist eigentlich eine dubiose Gattung, die biographie romancée. Mit Vorliebe stilisiert sie illustre Lebensläufe zu unterhaltsam-bedeutungsvollen Szenen, tut sie in dreister Vertraulichkeit intim mit dem Genius: "Johann Wolfgang seufzte und dachte..." Loest handhabt sie bescheiden, den höchst verwirrenden Fakten sehr nahe, ohne falsche Schmäh-Absichten, ohne Prätention, die Psyche des Porträtierten zu knacken, aber immer mit Sympathie.

Was Loest an May interessierte, war nicht die Frage, die Arno Schmidt und Hans Wollschläger vor allem beschäftigte: ob irgendwelche Teile seines Werks füglich zur "Hochliteratur" zu zählen sind; und ob May latent homosexuell war, kümmert ihn schon gar nicht. Ihn interessierte wohl zunächst, wie sich da einer konsequent aus einem unerträglichen Milieu hinausgeträumt hat: die Geburt der Literatur aus dem Geiste des Knasts. Dann aber fügte sich die Episode in einen größeren Zusammenhang. Es ist das Leben eines Mythomanen, der sich in einen heillosen, tragikomischen Kampf zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Lügen und Tatsachen verstrickt.