Man mag es kaum glauben: Sechsundzwanzig Millionen Chinesen sind vom Hungertod bedroht. Dürre und Wassersnot zwangen das so stolze Reich der Mitte, sogar bei den Europäern um Hilfe zu betteln. Wie denn? Die kommunistische Volksrepublik, die Jahr um Jahr verkündet, daß die Lage im Lande ausgezeichnet sei, wäre am Ende so hilflos wie das korrupte, unfähige Kuomintang-Regime der dreißiger Jahre, unter dem Millionen verhungert sind?

Ein ähnliches Desaster zeichnet sich ab wie in jenen drei bitteren Jahren, die dem Fiasko von Maos Großem Sprung folgten. Maos Erben sind noch schlechter dran als er: Inflation (zwischen sieben und 15 Prozent), Arbeitslosigkeit (20 Prozent), Betriebsstillegungen, Investitionsstopp, Unruhe unter den Studenten, zunehmende Streiklust der Arbeiter. Jetzt, da die Anführer der sogenannten Viererbande im Kerker sitzen, erweist sich, daß deren Widerstand gegen die übereilte Modernisierung eines unvorbereiteten Agrarlandes und gegen zu hohe Auslandsverschuldung nicht ganz unberechtigt war.

Die polnischen Ereignisse haben den neuen Machthabern einen Schrecken eingejagt, erst recht, als sie feststellen mußten, daß die chinesische Wirtschaftslage gegenwärtig weitaus schlechter ist als die polnische vor dem Danziger Streik im Sommer 1980. Noch tröstensich die Führer in Peking, ihr gehorsames Milliardenvolk werde auch diese Heimsuchung geduldig ertragen. Nur: Sein Glaube an die alleinseligmachende Partei ist verschlissen. kj